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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
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XXV
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Einleitung. XXV

heim Grimms Auffassung des mythischen und historischen Elements derHeldensage, seine und seines Bruders Stellung zur sagen- und textgeschicht-lichen Kritik unserer mittelhochdeutschen sogenannten Volksepen.

Die Brüder Grimm, obgleich sie, wie die vorliegenden Briefe genugsam er-weisen, im Einzelnen zweifellos kritischen Scharfblick bewähren, auch mancherleitheoretische Ausführungen über allgemeine Grundprobleme der Sprachwissen-schaft, Mythologie und Alterkumskunde mit innerer Wärme vorbringen, be-halten doch Zeit ihres Lebens einen Rest romantischer Sinnesart: von ihr be-herrscht, ziehen sie dem Reich des Unbewußten, des geheimnisvollen undrätselhaften Wachsens im Leben der Poesie wie im Leben der geistigen Kulturüberhaupt möglichst weite Grenzen und suchen es vor der zudringlichenNeugier der kritischen Forschung, die bestimmte Fragen stellt und präzise,eindeutige Antworten heischt, nach Möglichkeit zu schützen. Dadurch unter-scheiden sie sich vollkommen von Lachmann: er geht allen wissenschaftlichenFragen, soweit er sie ernsthaft ins Auge faßt, mit Entschlossenheit planmäßigund zielbewußt zu Leibe und ruht nicht, bis er für sie durch methodischeBemühung auf der letzten und höchsten Stufe der ihm erreichbaren Erkenntniseine klare, eindeutige Entscheidung geben kann. Für den Standpunkt derBrüder Grimm dem sogenannten Volksepos gegenüber bleibt im Grunde dieBetrachtungsweise maßgebend, die das wunderschöne Gleichnis WilhelmGrimms in einem seiner frühesten Briefe an Lachmann auf die Wandlungender Sage angewendet hat (31. Mai 1820 S. 737):aber das meine ich: es sindErweiterungen der schuldlosen, ungelehrten und gläubigen Phantasie oderbildenden Kraft, nicht aber des nachsinnenden Verstandes. Es wird keinWasser zur Quelle zugetragen, aber aus den Wolken und dem Thau fällt eszu dem aus der Tiefe hervordringenden und mischt sich damit." Ein physi-kalisches Gleichnis nur, aber doch mehr als Gleichnis: das Natur leben wares, das die Brüder Grimm in der Sprache wie in der Sage mit andächtigenBlicken suchten und fanden.

Dies ist nun aber wohl das Wunderbarste an dem jahrelangen Aus-tausch wissenschaftlicher Briefabhandlungen, den diese drei Männer mit-einander führten: der immer hervortretende tiefe Gegensatz in wichtigenGrundanschauungen zwischen dem Brüderpaar und Lachmann, zuweilenauch (wie z. B. bei der Freidank-Walther-Hypothese) zwischen den beidenBrüdern, und daneben nichtsdestoweniger die ohne Unterbrechung, ohnejede Empfindlichkeit oder Enttäuschung fortgesetzte Darlegung und Be-gründung des eigenen Standpunktes, die unermüdliche Prüfung und freund-schaftliche Bekämpfung der entgegenstehenden Ansicht und Beweisführungdes Partners.