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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXIV
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XXIV Einleitung.

Lachmanns mit einem immer neue Bewunderung erzwingenden Fleiß undWissen aufgehäuft sind. Und das Gleiche gilt für die weitgreifenden allge-meinen Untersuchungen über die Heldensage und die Tiersage, die überalldurch genaueste Einzelbeobachtungen und Belege auf Grund einer auch heutenoch imponierenden, für die Entstehungszeit dieser Briefe aber geradezu un-glaublich großen Quellenkenntnis gestützt sind. Unmittelbar bestimmendwerden für die heutige Forschung können alle diese Gedankengänge nichtmehr. Aber im Einzelnen werden sie immerhin noch übersehene Winkel be-leuchten und auch bekannte Gebiete in hellerem Lichte zeigen, gelegentlichwohl auch durch ihre Beweisführungen und Folgerungen die moderne Theorienoch fördern können.

Jacob Grimms naturgesetzlicher Gesichtspunkt hat der Entwicklung dergermanischen Sprachwissenschaft, überhaupt aller Sprachwissenschaft in derFolgezeit lange die Wege vorgeschrieben. Er selbst war freilich weit entferntdavon, aus seiner umstürzenden und wegbereitenden Erkenntnis, daß es inder Sprachgeschichte Lautgesetze gibt, insbesondere aus seiner Entdeckungdes Lautverschiebungsgesetzes wie des Gesetzes des 'Ablauts', des 'Umlauts'und der 'Brechung' streng die Konsequenzen zu ziehen und daraus eine festeMethodenlehre der Sprachforschung abzuleiten. Gerade in den vorliegendenBriefen an Lachmann bekunden manche Äußerungen auf eine uns heute über-raschende Weise, daß er höchst vorsichtig, zurückhaltend und allzu bescheidendie Tragweite der von ihm gefundenen Lautgesetze einschätzte. Auf ihremFundament nun auch eine neue Prinzipienlehre zu errichten, davon hielt ihnzurück seine Abneigung gegen logische Konstruktion und Definition, gegenSystematik und Spekulation. Aus dieser Abneigung stammt seine wissen-schaftliche Größe: die märchenhafte Energie und die treue liebevolle Hingabein der Sammlung, Durchdringung und Belebung des ungeheuren Stoffs, dieScharfäugigkeit und Findekraft seiner Beobachtung. Aber als Folge dieserAbneigung haften an seiner gesamten Forschung auch unleugbare Mängelund Schwächen: eine gewisse Unbestimmtheit, wo es gilt, nach einem voraus-bestimmten Plan zu forschen und darzustellen, wo für grundsätzliche An-schauungen eine sichere und klare Fassung gefunden werden soll, wo esdarauf ankommt, zwischen mehreren möglichen Lösungen eines Problems zuwählen. Ja, man kann sagen, gegenüber gewissen wichtigsten Fragen dergeschichtlichen Entwicklung widerstrebt es Jacob Grimm, scharfe Formulierungenzu suchen: er liebt es da, sie in der Schwebe zu lassen und eine Entscheidungmit strenger Begründung zu vermeiden. Dahin gehört z. B. seine Behandlungdes Problems einer mittelalterlichen deutschen Schriftsprache, des Verhältnissesder mitteldeutschen Mundarten zu den oberdeutschen, seine und auch Wil-