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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXIII
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Einleitung. XXIII

Verständnis für rein phonetische Fragen besaß, als in seinen gedrucktenSchriften seine allzu wortkargen zahlreichen Bemerkungen zur metrischen undsprachlichen Textkritik verraten. Die scharfe und auf weite Strecken ver-werfende Kritik, der Lachmanns alt- und mittelhochdeutsche Metrik späterausgesetzt gewesen ist, hat vielfach mit dem Vorwurf gearbeitet, daß seineAufstellungen in einem Kult des Buchstaben befangen gewesen seien undsich nicht um den gesprochenen Laut, nicht um das musikalische Elementder Verse, Rhythmus und Takt, gekümmert hätten. Unsere Briefe widerlegendiesen Tadel. Gleich der erste erhaltene Brief an Jacob Grimm belehrt, daßLachmann wohl am sichersten und frühesten mit scharfem Blick auf die Unter-schiede der Betonung und ihren Zusammenhang mit der Quantität und Färbungder Laute geachtet und dabei eigene Beobachtungen an lebenden deutschenMundarten verwertet hat. Ein andermal (8. März 1829) macht er die richtigephonetische Bemerkung, daß die neuhochdeutsche Aussprache nach kurzemVokal den Konsonanten scheinbar doppelt, nämlich lang ausspricht, wenn erauch die eigentliche Ursache (den scharf geschnittenen Akzent) noch nicht er-kennt und, durch Jacob Grimms Anfrage nach der Schulaussprache griechischerVerse geleitet, kein glückliches Beispiel wählt. Bei derselben Gelegenheit hebter richtig hervor, daß die Berliner Aussprache den e-Laut in geben und wärennicht unterscheidet, sondern in beiden Fällen als e wiedergibt. An einerandern Stelle übernimmt er scherzend ostpreußische Redeweise und erkundigtsich nach dem Kinde Wilhelm Grimms mit der Fragewas das Kleinerchen(um gut Königsbergisch zu reden) macht" (24. November 1829).

Wäre der Briefwechsel unmittelbar nach dem Tode Jacob Grimms andie Öffentlichkeit gebracht, ja wäre er auch nur in den siebziger Jahren desvorigen Jahrhunderts herausgegeben worden, so hätten solche und ähnliche,aber auch manche andere Bemerkungen über die phonetischen Grundlagenmetrischer und sprachlicher Erscheinungen und der von Lachmann aufge-stellten metrischen Regeln wohl unmittelbar in die wissenschaftliche Erörterungdieser schwierigen Probleme klärend eingegriffen, mindestens aber das gegenihn oft vorgebrachte, vielleicht auch heute nicht verschwundene Fehlurteil ver-hütet, als habe ihm für die lebende Sprache und die Mundarten jedes Interesseund Gehör gemangelt und als seien daher seine Textherstellungen und seinemetrische Theorie nur aus einer papiernen Regelsucht ohne Rücksicht auf dieden mittelalterlichen Schreibungen zugrunde liegenden Klänge entsprungen.Solch unmittelbare Wirkung der metrischen und phonetischen Bemerkungender Briefe ist jetzt nicht mehr möglich und ebensowenig bei den zahllosenEinzelnachweisen lautlicher, morphologischer, lexikalischer, exegetischer Er-kenntnisse und Tatsachen, die in den Briefen der Brüder Grimm wie in denen