Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXII
Einzelbild herunterladen
 

XXII Einleitung.

Grundgesetz aller geistigen Fortbewegung. Ich nenne es dem verwandtenphysikalischen Gesetz entsprechend das geistige Trägheitsgesetz oderdas Geschichtsgesetz der kleinen Schritte. Man nimmt es besondersdeutlich in der Wissenschaftsgeschichte wahr, und schon mancher Gelehrtewird es selbst an seinen eigenen Arbeiten, sobald sie veröffentlicht warenund Nachfolge oder Widerspruch weckten, mit Überraschung und Verdrußöfter festgestellt haben. Die Untersuchung und Darstellung Grimms ist da-gegen über den in den Überschriften noch fortgeschleppten alten papiernenSchulbegriff der uralten grammatischen Tradition hinausgeschritten zu dem-jenigen Verfahren, das einzig der neue Ausdruck 'Lautlehre' deckt. Ihn bringtdann die dritte Ausgabe (1840) auch als Überschrift (S. 30. 31). Und nichtohne leise Verwunderung, ja mit heimlichem Lächeln lesen wir in diesenBriefen, daß die uns heute längst geläufigen Bezeichnungen 'Anlaut', 'Auslaut','Umlaut', 'Lautverschiebung', 'starke und schwache Flexion', ferner der aufKant und Wilhelm von Humboldt zurückgehende Ausdruck 'organisch' und'unorganisch', bald auch der damit gleichbedeutende folgenreiche Ausdruck,Lautgesetz' damals erst neu gefunden und mit Zagen gewagt worden sind.

Dem in pünktlicher Sorgsamkeit, Umsicht und hingebendem Fleiß un-übertrefflichen Gärtner des deutschen Sprachangers reifte als Lohn seinermühevollen Arbeit eine glänzende Frucht: die grundlegende Entdeckung desSprachgesetzes der germanischen und der hochdeutschen Lautverschiebung,des Gesetzes, das mit Recht in der ausländischen Sprachwissenschaft einfach'Grimms Gesetz' heißt,

Lachmann ist, wie sich jetzt in seinen Briefen an Jacob Grimm aufSchritt und Tritt zeigt, von Anfang an und fortdauernd ein eifrigster Leser,genauer Kenner und rückhaltloser Bewunderer der 'Deutschen Grammatik'gewesen, deren einzelne Druckbogen er mit Begierde erwartete und für Vor-lesung und Forschung sofort ausnutzte. Er hat insbesondere die ungeheuregrundsätzliche Tragweite des Lautverschiebungsgesetzes von vornherein er-kannt, sie darum auch mit Recht gegenüber Graffs quengelnder Kritik im'Althochdeutschen Sprachschatz' als unerschütterliches Fundament der germa-nischen Sprachgeschichte betrachtet. Er selbst bemüht sich in seinen Briefen,mit dem Freunde wetteifernd, um eine übersichtliche Klassifizierung der starkenVerbalflexion und steuert auch sonst aus seiner eigenen reichhaltigen Vorrats-kammer metrische, stilistische, lexikalische Beobachtungen in Massen bei, umdie riesige Ernte der 'Deutschen Grammatik' zu ergänzen.

Aus unserm Briefwechsel ergibt sich dabei die gewiß viele Germanistennoch überraschende Tatsache, daß Lachmann ein näheres Verhältnis zurlebendigen Sprache, zu den deutschen Mundarten hatte und ein tieferes