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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XXI
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Einleitung. XXI

sichtigen und pedantischen Verdeutscher aller Fremdworte gerichtete BilderEinmal die Forderung, daßdie Sprache lebendig wachsen soll", sodann:das Bekenntnis, daßPoesie und leidenschaftliche Rede die einzigen Quellensind, aus denen dieses Leben hervordringt", und drittens die Überzeugung:sollten sie in ihrer Heftigkeit etwas Bergschutt mitführen er setzt sichzu Boden und die reine Welle fließt darüber her".

Diese drei Bilder enthalten im Gründe nur, was Goethe von Bodmer,Klopstock, Hamann und Herder über das Wesen der Sprache und ihrer Ent-wicklung gelernt hatte. Sie decken sich mit der Sprachauffassung des Ver-fassers der 'Deutschen Grammatik'. Und das letzte dieser drei Bilder, dasgeologische wird ihm zum Schlüssel für gewisse weitverbreitete sprach-liche Vorgänge, die er danach 'Versteinerungen' nennt, die wir heute miteinem treffenderen Ausdruck Hermann Pauls als 'Isolierung' bezeichnen,d. h. für die Erhaltung ausgestorbener Formen in vereinzelten vom Sprach-bewußtsein nicht mehr verstandenen Wortbildungen, wie z. B. der einstlebendigen Endung o des Plurals des Feminins im Zahlwort zwo.

Dieser naturgesetzliche Gesichtspunkt Jacob Grimms war daseigentlich Befreiende, Bahnbrechende seiner 'Deutschen Grammatik', aber auchseiner Auffassung der Mythologie, der Rechtsaltertümer und Sittenkunde. Wirschauen in Jacob Grimms abhandlungsartigen Briefen an Lachmann und dessennicht minder eingehenden und eine unübersehbare Fülle von Einzeltatsachenmitteilenden Erwiderungen und Eigenberichten mit Staunen, Ehrfurcht undRührung den schweren Werdekampf der germanischen Philologie, den ihrebeiden Pfadfinder führen mußten, um aus den Irrwegen der ratenden,tastenden, träumenden Sprachbehandlung, einer hochmütig spekulativen Sprach-gnostik herauszukommen zur Beobachtung, Untersuchung, Erkenntnis derwirklichen sprachlichen Erscheinungen und Wandlungen. Wir verfolgen denmethodischen Fortschritt in Jacob Grimms wissenschaftlicher Entwicklung, derihn von der ersten Auflage des ersten Grammatikbandes zu dessen Neu-bearbeitung in der 1822 veröffentlichten zweiten Auflage und damit erst zurvollen Answirkung seiner großen Befreiertat leitet. Eine neue Termino-logie sehen wir in diesen Briefen vor unsern Augen entstehen und sichunter Zweifeln und Bedenken durchsetzen. Sie enthüllt, wie die Grammatikjetzt Sprachgeschichte wird und wie an Stelle rationalistischer Betrachtungnunmehr eine andere das Szepter führt, die im sprachlichen Leben auch einWalten der Natur gewahrt. Den Terminus 'Buchstabenlehre' bewahrt JacobGrimm freilich für die Überschriften in der ersten und selbst noch derzweiten Ausgabe des ersten Grammatikbandes nach einem meines Wissens kaumbeachteten, aber in seiner Wirkung nicht hoch genug zu veranschlagenden