Einleitung. XIX
wissenhafte Hingabe an die sachliche Geschichtsbetrachtung im Grund-sätzlichen, in der Methode bringt. Wir sehen sie in beispielloser Selbst-entäußerung gemeinsam vorbereiten und rüsten, sichern und bauen, erläuternund kritisch prüfen die großen Hauptwerke der Wissenschaft vom deutschenLeben: die 'Deutsche Grammatik', die 'Deutschen Rechtsaltertümer', den 'Rein-hart Fuchs'; die 'Deutsche Heldensage', den 'Freidank'; die Ausgaben der'Nibelungen', des 'Iwein', der Gedichte Walthers, der Werke Wolframs, dieFeststellung der alt- und mittelhochdeutschen Verskunst.
Jacob Grimms Briefe, namentlich die der ersten Jahre seiner Verbindungmit Lachmann, wirken wie Vorstudien oder wie ein Kommentar zu seinerArbeit an dem unsterblichsten Werke seines Lebens, der Deutschen Gram-matik. Im Dezember 1819 richtete er den ersten Brief an den ein Jahr zuvorvom Königsberger Gymnasiallehrer zum außerordentlichen Universitätsprofessorbeförderten Lachmann. Den Anlaß gaben dessen Beobachtungen über denReimgebrauch mittelhochdeutscher Dichter: versteckt in Anmerkungen zuKarl Köpkes mittelmäßiger Ausgabe von Rudolfs von Ems 'Barlaam undJosaphat', hatten sie durch die Selbständigkeit, Fülle und Sicherheit desWissens doch sogleich Jacob Grimms Aufmerksamkeit erregt. Damals lagder erste Band der 'Deutschen Grammatik' vor, der für die Auffassung derSprache nicht bloß der deutschen, sondern aller Sprache, eine neue Ära er-öffnet hat.
Hier war mit dem aus dem griechisch-römischen Altertum ererbten, im Mittel-alter wie in Renaissance und Neuzeit nur wenig umgebildeten System der Gram-matik ein für allemal gebrochen. Hier hatte Jacob Grimm aber auch grundsätzlichund durch das Beispiel seiner Darstellung sich losgesagt von dem Sprach-meistern moderner Grammatiker, die durch philosophische Spekulation dieSprache zu regeln suchten, nicht minder auch von den teutonisch sichbrüstenden Puristen, die der deutschen Sprache ein neues Kleid gewaltsamzuschneiden wollten. An die Stelle dieser willkürlichen und äußerlichen Be-handlungen der Sprache setzt er eine neue: er faßt die Sprache von ihrerNaturseite auf. Er findet den „Gang der Sprache langsam, aber unaufhalt-bar wie den der Natur". Er sieht in der Sprache „ein großes Gesetz derNatur, das auch Anomalien und Mängel neben erkennbaren Regeln bestehnlassen will". Das Sprachleben hypostasiert er zu einer mystischen Urkraft, dieals „unermüdlich schaffender Sprachgeist" ihre Macht bewährt in der Aus-gleichung der Sprache. In seiner methodologischen Vorrede zur DeutschenGrammatik führt er zwar zustimmend auch ein Bild August WilhelmSchlegels an, das die Sprachwandlungen einem ähnlichen Vorgang aus demBereich der Kunstfertigkeit des menschlichen Geistes an die Seite stellt und
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