Druckschrift 
Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XVIII
Einzelbild herunterladen
 

XVIII Einleitung.

Dieser Briefwechsel ist ein Buch reich an Bekenntnissen. Drei be-deutende Menschen suchen und finden einen neuen Weg, der sie hinwegführensoll von dem gemeinsamen, ererbten und durch Studium bereicherten geistigenBoden des romantischen Idealismus in ein unbekanntes Land. Ein Bild diesesLandes schwebt in Ahnung und Sehnsucht vor ihrer Seele. Aber sie selbsterst müssen dieses neue Land urbar machen und bebauen: die geschicht-liche Erforschung des deutschen Wesens, die Wissenschaft der deutschenNationalität. Über ihr Suchen und Finden, über alle Schwierigkeiten undHemmungen, alle Fortschritte und Eindrücke auf diesem Wege, alle begleitendenUmstände und Stimmungen berichten die drei einander, erfragen und erteilensie sich gegenseitig Hilfe und Rat. So wachsen ihre Schreiben meistens zuganzen wissenschaftlichen Abhandlungen, zu umfänglichen Listen von Fragenund Antworten, zu lexikalischen Verzeichnissen und werden nicht selten be-gleitet von Beigaben mächtig anschwellender Adversaria, die zwischen ihnenhin und her gehen, um auf dem Rande Ergänzungen und Berichtigungen zuempfangen. Die 'Beilagen' des gegenwärtigen Briefwechsels bringen in er-schöpfender Fülle dieses einzigartige gelehrte Frage- und Antwortspiel, dasdurch manche persönliche, auch scherzende Bemerkung belebt wird und indas gelegentlich ein lustiger Beitrag des Freiherrn von Meusebach zwerchfell-erschütternd hineinblitzt.

Ein Schauspiel von seltsamem Reiz erleben die Leser dieser Blätter. DasWerden einer neuen Wissenschaft von tiefster Bedeutung für die Auffassungund die Entwicklung der Geisteskultur Deutschlands, ja aller modernen Völker,vollzieht sich vor unsern Augen in den immer erneuten Beichten und Problem-stellungen dieser drei rastlosen Pioniere, die uns ihr unendlich mühseliges,Schritt für Schritt und Stufe für Stufe vorwärtsdringendes Emporsteigen ver-folgen lassen. Wir sehen die unaufhörliche Mehrung und Festigung ihresEinzelwissens, ihrer empirischen Untersuchungen und Ermittlungen geschicht-licher Tatsachen, Vorgänge, Zusammenhänge. Wir bemerken, wie ihre Ein-sicht auf sprachlichem, stilistischem, metrischem Gebiet in der treuen Klein-arbeit des Beobachtens und Sammeins wächst. Wir gewahren, wie ihreKenntnis und Ausnutzung der handschriftlichen Quellen des deutschen Mittel-alters immer weiter greift, wie ihre biographischen und literarhistorischenWertungen immer umfassender sich gründen und wie sie das geheimnisvolleReich, in das sich ihre wissenschaftlichen Anfänge mit enthusiastischer Gierund Hast gestürzt hatten, Mythus, Sage, Märchen, Heldenepos, Rechtsalter-tümer und Sittenkunde der germanischen Vorzeit, immer ruhiger, freier, un-befangener, mit immer strengerer Wahl durchwandern, erforschen und be-urteilen. Wir werden mit stillem Entzücken Zeugen des Segens, den diese ge-