Einleitung. XVII
listische Auffassung des Lebens, der Geschichte, der Kunst und der Poesie,der Sprache, aber er war deshalb noch keineswegs ein Kultus des Irrationa-lismus. Sonst hätte daraus nimmermehr die Wissenschaft hellste und wirksamsteErleuchtung empfangen, sonst wäre niemals daraus der unübersehbar segens-reiche Aufschwung geschichtlicher Welt- und Menschenbetrachtung hervor-gegangen, den man als historische Schule mit den großen Namen Savigny,Eichhorn, Niebuhr, Böckh, Welcker, Karl Otfried Müller, Jacob Grimm, Bopp,Ranke, Karl Ritter und Lachmann zu kennzeichnen pflegt. Ein rationaler Kern undein objektives Element lag auch auf dem Grunde jener Lehren und Meinungen,welche die deutschen Apostel des Gefühls von Bodmer und Breitinger bis zuHamann, Herder, Justus Moser und weiter zur Romantik verkündeten. DieGefahr, daß die Opposition gegen den Rationalismus sich bis zu wirklichemIrrationalismus verschärfte, bestand allerdings in der romantischen Bewegung,und innerhalb der historisch-philologischen Wissenschaft hat sich insbesondereauf dem Gebiet der Mythendeutung und der Etymologie das in manchen ab-geschmackten Bemühungen sehr lächerlich offenbart. Aber der konservativeDrang zum Sachlichen, zum geschichtlich Gewordenen und Erhaltenen, dermit dem Gefühls- und Persönlichkeitskultus der Romantik von Anfang anverwachsen war, jener Drang, „die Unverletzlichkeit und Notwendigkeit derGeschichte" anzuerkennen, wie es Jacob Grimm in der Widmung seinerGrammatik (1819) an Savigny genannt hat, er hat es verhindert, daß diejunge geistige Flut, die mit dem aufgehenden neunzehnten Jahrhundertemporstieg und sich ausbreitete, den rationalen Damm jemals wirklichauf weite Strecke hin durchbrochen hätte. Immerhin, eine Abwehr der^rationalistischen Gefahr war notwendig. Unser Briefwechsel zwischenden Brüdern Grimm und Lachmann ist das großartigste Denkmal dieserAbwehr.
Die beiden Grimm und Lachmann waren nach Herkunft und Anlagengrundverschiedene Persönlichkeiten. Aber eine doppelte Seelengemeinschaft —einerseits die Anregung durch die Romantik, anderseits der aus frühen Ein-drücken wissenschaftlicher Geschichtsbetrachtung und Quelleninterpretationstammende Zug zum Realen und Objektiven — führte sie zusammen undbrachte sie einander nahe. Unser Briefwechsel enthüllt das einzigartige Wunderdieses Zusammenkommens und allmählichen Zusammenwachsens zu einerFreundschaft, die, im wissenschaftlichen Wollen und Wirken verankert, dochauch ihre menschlichen Beziehungen auf das innigste durchdrang und diestandhielt selbst gegenüber starken Stößen gelegentlicher persönlicher Verstim-mungen und Gegensätze, wie sie bei der Verschiedenheit ihrer Charaktere undTemperamente nicht ausbleiben konnten.
Briefwechsel Orlmm-Lachmann. II