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Einleitung zu dem Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann
Entstehung
Seite
XVI
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XVI Einleitung.

lieh behandelt. Lachmann aber ist in seinem gesamten kritischen Verfahren,das äußerlicher Betrachtung so trocken und schulfuchsisch erscheinen mag,von dem lebendigsten und sichersten ästhetischen Gefühl, von einem feinenEmpfinden für künstlerische Form, für Verschiedenheiten des poetischen Stilsgeleitet. Seine Textkritik, soweit sie der Recensio dienend die Geschichte derÜberlieferung entrollt, besorgt unbeirrbar, einem erfahrenen Restaurator gleich,der ein Gemälde von Übermalungen befreit, das Geschäft der Reinigung undWiederaufdeckung ursprünglicher poetischer Gestaltung, weil ihr der festeGlaube zugrunde liegt, daß die deutsche Dichtung des Mittelalters nichtbarbarisch, nicht formlos und willkürlich gewesen sein könne, sondern vollkünstlerischer Schönheit in streng geregelter sprachlicher und metrischer Formnach bestimmten Gesetzen des poetischen Stils gebaut war. Seine höhereKritik aber des Nibelungenliedes wie der llias ruht durchaus auf einem an-geborenen und unmittelbaren, freilich durch scharfe Beobachtung geschulten,unendlich gesteigerten und vertieften Gefühl für poetischen Ausdruck undpoetische Stilart. Der Textkritiker Lachmann und der Grammatiker, Mytho-loge, Rechtserforscher Jacob Grimm sie sind beide Erben jenes Kultus derPoesie, dem der romantische Geist mächtige Schwingen geschaffen hatte.

Der vorliegende Briefwechsel der Brüder Grimm mit Lachmann bestätigtdurch manchen Zug ihre gemeinsame geistige Grundlage. Aber er zeigt mehrnoch etwas anderes: diese drei Briefschreiber, die hier vor den Augen des er-griffenen Lesers in Freundschaft sich verbinden, sind einig zwar in derromantischen Wurzel ihres wissenschaftlichen Antriebs, aber ebenso auchdarin, daß sie dem romantischen Geist entwachsen, daß sie sich ihm mit be-wußtem Willen entwinden, weil der allen drei gemeinsame, ihrem Wesen tiefeingepflanzte Drang zur Klarheit, zur wissenschaftlichen Erkenntnis desWahren sie aus der Dämmerung und dem Nebel der poetischen oder philo-sophelnden Spekulation hinaustreibt. Den philosophischen Begleiterscheinungenund Auswirkungen der Romantik haben alle drei gleich Friedrich AugustWolf und Niebuhr von Anfang fremd und abgeneigt, später mit zu-nehmender Feindschaft gegenübergestanden. Die Romantik schöpfte aus derAuflehnung des Gefühls gegen den Rationalismus, gegen Teleologie und Ge-schichtspragmatismns ihr Wesen und ihre Kraft, sie stellte sich insofern daherals eine Umgestaltung der Sentimentalität des Sturm- und Dranges dar. Hieraber zeigt sich, wie wenig zutreffend dennoch die heute beliebte Ausdrucks-weise ist, die diesen Widerstand gegen den Rationalismus schlechthin zueinem Erstarken des Irrationalen stempelt. Der Kultus des Unbewußten inder psychischen Welt, des unmittelbaren Erlebens der Seele, den gleich derGeniebewegung auch die Romantik vertrat, kämpfte freilich gegen die rationa-