XIV Einleitung.
Vorzeit, der ein wesentlicher und jedesfalls der am fruchtbarsten wirkende Zugder Romantik gewesen ist. Lachmann wie die Brüder Grimm trugen ihr Lebenlang auf dem Grunde ihrer Seele die stille Begeisterung für die bodenständigeKulturblüte der altdeutschen Zeit. Was Tieck, Wackenroder, Arnim undBrentano wie einst in der Geniezeit des 18. Jahrhunderts Justus Moser, Herder,Goethe das Herz bewegte, die Freude an der Erhaltung oder Wiedererweckungalter Überlieferung, alter echter einfältiger, wenn auch unscheinbarer heimat-licher Kunst, Poesie, Sitte, das lebte in den Brüdern Grimm als Drang,die alten vaterländischen Märchen und Sagen, das germanische und deutscheVolksepos, die alten heimischen Rechtsquellen und den verborgenen Schatzder germanischen Sprachgeschichte aus dem Dunkel der Entstellung, Miß-achtung, Unkenntnis ans Licht zu ziehen, und es lebte in Lachmann als derentschlossene Wille, die ästhetische Bedeutung, die künstlerische Form dermittelalterlichen deutschen Poesie aus den Verderbnissen ihrer handschrift-lichen Überlieferung herauszuschälen und in ihrer gesetzlichen Harmonie zurAnschauung zu bringen. Wenn die romantische Kunstauffassung der Ge-brüder Boisseree im Sinne der beiden Schlegel den Kölner Dom inseiner Ursprünglichkeit nach dem alten Plan seiner Meister unter Wegräumungaller späteren barocken Zutaten und Umbauten wiederherstellen und vollendenwollte, wie einst der junge Goethe in Straßburg sich für den gotischen Stildes Straßburger Münsters begeistert hatte in Auflehnung gegen die barockeKunst seines Zeitalters, so verfolgten die Brüder Grimm gleich Lachmann inihrem wissenschaftlichen Wollen und Vollbringen ein verwandtes Ziel. Undmag dem Herzen der Grimms, namentlich Jacobs, die naive Poesie näher ge-standen haben als dem Herzen Lachmanns, dessen kritische Arbeit vorwiegendder Kunstdichtung galt, auch Lachmann teilte die romantische Andacht vorder heimlichen Lebenskraft und Herrlichkeit jener echten, ursprünglichen Poesie,die man seit Herder als 'Volkspoesie' mit einem zauberhaften Nimbus um-kränzte. Das hat sein Königsberger Brief an Wilhelm Grimm vom Herbst 1820(S. 766) schön bekannt: „Und dann ist auch in allen guten Volksliedern etwasEwiges und Unvergängliches, das sie nicht verderben läßt. Durch dieschlechtesten Übersetzungen, Parafrasen und Nachbildungen gehn sie nichtganz zu Schanden."
Noch ein Zweites rückt die Grimms gleich Lachmann eng an dieRomantik: bei allen drei -war das patriotische Motiv jenes Kultus dernationalen Vorzeit für ihr wissenschaftliches Streben entscheidend. ZumBesten der hessischen Kriegsfreiwilligen bestimmten die Grimms 1813 dasErträgnis ihrer ersten Ausgabe eines mittelhochdeutschen Gedichts, des ArmenHeinrich von Hartmann von Aue, worin sie vaterländischer Opferbereitschaft