XII Einleitung.
Königl. Bibliothek wurde nach vorheriger summarischer Prüfung durch HerrnRoethe und mich der Briefwechsel in das Handschriftenarchiv der Akademieüberführt, wo ihn Professor Leitzmann durcharbeitete. Fräulein Auguste Orimmund die Königliche Bibliothek erteilten nun auch die Erlaubnis, das Brief-material an die Universitätsbibliothek Jena zu senden, und hier stellte dervon der Akademie mit der Herausgabe beauftragte Professor Leitzmann, trotzden Erschwerungen, die der Krieg hervorrief, eine genaue Abschrift derManuskripte her. Inzwischen änderte sich durch den Tod des FräuleinAuguste Grimm die Rechtslage von neuem: die Verfügung über die Briefelag nun bei dem Erben Herman Grimms, Herrn Rittergutsbesitzer Annois vonArnim auf Wiepersdorf bei Jüterbogk und dem Erben von Auguste Grimm,Fräulein Agnes Oestreich. Für die Verfügung über das Benutzungsrecht er-teilten beide Erben dem Professor Cornicelius, den schon Herman Grimmzum Vertreter des Testamentsvollstrecker Professor Steig ernannt hatte, Voll-macht.
Nach einer langwierigen und umständlichen Wegräumung vielfacherHindernisse also tritt das Werk an die Öffentlichkeit. Sehr spät, und mitgutem Grunde kann man sagen: zu spät.
Der Briefwechsel, abgesehen von wenigen Nachzüglern, umspannt natur-gemäß die Zeit, wo die Brüder Grimm und Lachmann an getrennten Ortenlebten, die Jahre 1819—1841. Sein überwiegend gelehrter Inhalt spiegelt alsoeinen Zustand der deutschen Philologie wieder, der mehr als 85 Jahre, ja zumTeil mehr als ein Jahrhundert hinter uns liegt. Seitdem ist die germanistischeWissenschaft mächtig fortgeschritten. So wird denn der erste Eindruck beimLesen dieser Urkunden dreier wahrhaft Großer aus dem Reiche der Forschungjenes Urteil 'zu spät' durch unmittelbare Empfindung bestätigen und ver-stärken. Mit Erschütterung stoßen wir daher in diesen Briefen am 2. Sept. 1821auf Lachmanns bitter prophetisches Wort: „Und die Nachwelt, wenn ihrunsere Mühe Kinderspiel geworden ist, fragt nicht weiter, ob Hans oder Kunzihr geschafft hat, was sie ihm nicht noch lange danken kann, weil sie weitermuß." Aber wenn man den Stimmen, die in diesen Blättern aufklingen undrückhaltlos über ein unablässiges heldenhaftes wissenschaftliches Ringen, überLeiden und Freuden eines bescheidenen Lebens von innerem Adel berichtenund dabei oft verborgenste Seelenregungen ohne Hülle und Maske hörbarmachen, mit offenem Ohr zu lauschen willig ist, wird man der trüben Voraus-sage Lachmanns widersprechen und jenes 'zu spät' beträchtlich einschränken.