Druckschrift 
Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
Seite
220
Einzelbild herunterladen
 

gebildete und sowohl durch wissenschaftliche wie pädagogische Leistungen aus-gezeichnete Männer in dieser ganzen Zeit an ihr tätig waren, was anderen Schulenderselben Gattung fehlte. Daß diese Worte der Wahrheit entsprechen, zeigt dieschon geschilderte Zeit nach der Trennung, wo die Schule bezüglich der Zusammen-setzung des Lehrkörpers mehr als stiefmütterlich ausgestattet war. Das Bewußtsein, daßdas anders werden müßte, hat sich überzeugend und so tatkräftig Bahn gebrochen, daß dieSchule heute vollkommen auf der Höhe steht. Die rapide steigenden Besuchsziffernder einheimischen Schülerinnen haben der Stadtvertretung den deutlichsten Beweisund Dank dafür erbracht. Die Lehrgegenstände zeigen im Wechsel der Zeit einähnliches Bild wie überall. Der Unterrichtsminister hat durch Lehrpläne aus denJahren 1886 und 1894 der höheren Mädchenschule festere Bahnen gegeben und wirddiese durch die in der Bearbeitung befindlichen Pläne erweitern und zeitgemäßfördern. Betreffs der inneren Organisation soll nach den Worten des Ministerseiner einseitig ästhetisch-litterarischen Entwicklung entgegengearbeitet werden. Dasrechte Wort! Die Mädchenschule in ganz Deutschland hat unter dieser einseitigenBehandlungsweise lange gelitten. Jetzt soll das junge Mädchen auch auf gründlicheAusbildung in den Realien und wirkliche Verstandesbildung Ansptuch haben. Wasviele heute noch nicht begreifen werden, ist zur Tatsache geworden:Die Mathematikklopft an die Türe der höheren Töchterschule" und läßt sich nun ganz bestimmtnicht mehr abweisen. Es wird dem Unterricht im Deutschen eine beherrschendeStellung gegeben werden. Die Ergänzung der Bildung unserer jungen Mädchen in derRichtung der allgemeinen Lebensaufgaben einer deutschen Frau, ihre Einführung inden Pflichtenkreis des häuslichen und gesellschaftlichen Lebens, das sind die Auf-gaben der neuen Schule. Dabei ist daran gedacht, denjenigen jungen Mädchen,welche sich einem Berufe widmen wollen, entweder auf selbständigen Studien-schulen oder durch Nebenkurse Gelegenheit zu bieten, den Ansprüchen zu genügen,welche man für das Berechtigungswesen und die Universität zu fordern genötigt ist.Frohen Herzens kann die Luisenschule der Zukunft entgegen gehen. Dieneue Zeit wird sie wohl gerüstet und bereit finden, den Ansprüchen, die an siegestellt werden, mit Freudigkeit zu entsprechen.

220