Gräber noch Raum vorhanden war, wandte sich der Vorstand wegen Beschaffungeines neuen Friedhofes an die Stadtverwaltung. „Seit undenklichen Zeiten, solangeJuden in Mülheim wohnen, haben dieselben aus eigenen Mitteln einen Begräbnis-platz sich verschafft, während sie zu den Kosten des Kirchhofs für die christlichenKonfessionen außerdem in Anspruch genommen worden sind, soweit diese Kostenaus der Kommunalkasse gedeckt werden mußten." Es ist bezeichnend für denliberalen Geist jener Jahre, daß man die Anlegung des neuen Friedhofes in un-mittelbarer Nachbarschaft mit dem kommunalen in Erwägung zog, während eineandere Partei einen Platz an der Hingbergstraße vorschlug und eine dritte sich mitgroßer Lebhaftigkeit für die Vergrößerung des alten aussprach. Daß die beidenersten Gruppen sich in diesem Falle über das auch in ihnen tiefwurzelnde Pietäts-gefühl hinwegsetzten, lag an dem unsagbar traurigen Zustande des Weges durchdie Gracht, der es mit sich brachte, daß oft der Leichenwagen im Schlamme steckenblieb, und der Sarg die übrige Strecke des Weges getragen werden mußte. So erklärtes sich, daß man an die Vergrößerung des alten Friedhofes immer und immer wiederdie Bedingung knüpfte, daß der Weg dahin in einen passierbaren Zustand gebrachtwerde. 1879 wurde nun von der Stadt ein ca. 3 /± Morgen großes Stück Landerworben und der Gemeinde zur Verfügung gestellt und 1882 die Hecke zwischenaltem und neuem Friedhofe beseitigt.
Vereine.Die tägliche Erfahrung, daß die Kraft des Einzelnen in der Bekämpfungsozialer Übel fast nutzlos zersplittert, während Einigkeit auch hier stark macht, hatin der Synagogengemeinde schon frühzeitig zu einer Zusammenfassung aller edlenKräfte geführt. Wir nennen an erster Stelle die Gemeinde-Armenkasse, derenGelder aus nur freiwilligen Beiträgen zusammenfließen und deren Etat seit Jahrendurchschnittlich die stattliche Summe von 1800 Mk., im letzten Jahre, wohl in Folgeder Synagogeneinweihung, gar von 2600 Mk. aufweist. Daneben machen sich nochfolgende Vereine die Unterstützung der Bedürftigen, die Fürsorge in Krankheits-und Todesfällen zur Aufgabe:
1. Die alte israel. Bruderschaft (Chewrah lig'milut chassadim) gegr. 1802.
2. Der israelitische Frauenverein, gegründet 1857.
3. Die neue israelitische Bruderschaft (Chewrah chadaschah) gegründet 1861.Außerdem besteht:
4. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur seit 1902.
5. Der Synagogen-Chor seit 1905.
Was die Gemeinde sonst durch ihre einzelnen Mitglieder oder in Vereinenfür gemeinnützige Zwecke leistet, kann und darf hier nicht weiter erörtert werden.Gern und eifrig haben die Mitglieder der Gemeinde sich an allen bürgerlichen undstaatlichen Bestrebungen beteiligt und freudig jede Gelegenheit ergriffen, in allenBürgertugenden mit ihren Mitbürgern zu wetteifern. Diese ganz selbstverständlicheTatsache ist bei dem Synagogenweihefest auch von dem Oberhaupte unserer Stadtdankbar anerkannt worden. Denn das Besondere, das die Gemeinde für sich inAnspruch nimmt, ist nur auf dem Gebiete ihrer religiösen Einrichtungen zu suchen;sonst aber treten ihre Mitglieder in die Reihen ihrer Mitbürger, mit welchen sie einigsind in der Liebe und Treue gegen das Vaterland, in der Liebe und Treue gegendas erlauchte Herrscherhaus und in der Beherzigung der prophetischen Mahnung:„Fördert das Wohl der Stadt, dahin ich euch geführt, und betet um sie zum Ewigen."
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