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Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
Seite
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Man merkt aus diesem Vertrage kaum, daß die Franzosen schon 2 Jahre im Landeherrschen. Weitere Verhandlungen aus dem Jahr 1812 hängen mit der inzwischenerfolgten Beseitigung der alten Gerichtsverfassung zusammen. Die Kirchenbänkeder abgesetzten Schöffen sollen nämlich neu verpachtet werden, und wieder ist es derGegensatz zwischen den neuen französischen Behörden und den zurückgebliebenenBroicher Beamten, welcher neue Verhandlungen mit Neustrelitz veranlaßt. Siebeginnen mit einem Immediatberichte Arnoldis vom 7. März 1 ), welcher eine Neu-verpachtung der betreffenden Sitze beantragt. Sie geschehe nur im Interesse derKirche, derengroßmüthige Beförderin" die Landgräfin immer gewesen sei. Wiewenig diese alten Broicher Beamten die französische Organisation für etwas Definitiveshalten, sieht man aus der Ansicht des Hofrats, daß dievorige Justiz-Verfassung"doch einmal wiederhergestellt werden könnte. Die Antwort der Landgräfin vom24. billigt den Abschluß dieses neuen Pachtvertrages unter ähnlichen Bedingungen 2 ).Zugleich ersieht man aus diesem Schreiben, daß die finanziellen Auseinandersetzungennoch schweben.

Wir besitzen noch ein Dankschreiben des Predigers Karl Johann Engels anden Hofrat Arnoldi vom 25. April 1812, welches die Anhänglichkeit an dieerhabeneund wahrhaft edle Fürstin von Hessen" zum Ausdruck bringt und zugleich durchaus wiedermit der Eventualität einer Wiederherstellung der alten Zustände rechnet. Im Namendes reformierten Konsistoriums schließt Engels mit den Worten:Diese neue Wohlthatist ein neuer und schöner Beitrag, um das Andenken unsrer erhabenen Fürstin, dasohnehin in den Herzen redlicher Broicher unauslöschlich ist, zu verewigen."

Man würde das Bild verzeichnen, wollte man annehmen, daß die Mülheimerihr altes Leben sofort vergessen und abgelegt hätten wie ein altes Kleid. Das istum so weniger geschehen, als die Franzosen in mancher Beziehung zur Konservierungdes Alten beigetragen haben. Auf anderen Gebieten aber hat das neue Regimentkeineswegs nur Segen verbreitet und Befriedigung erweckt. Gerade in materiellerHinsicht mochte einem flüchtigen Beobachter die frühere Lage in günstigerem Lichteerscheinen, als die durch manchen tiefen Schatten verdunkelte Gegenwart.

Wenn die Franzosen ihre Verwaltungs- und Gerichtsorganisation erst in derzweiten Periode im Lande eingeführt haben, so kennen sie bezüglich der Steuernweniger Zurückhaltung 3 ). Die Mülheimer lernen bald die Grund-, Personal-,Mobiliar-, Patent-, Enregistrementsteuer und auch die StempeTtaxe kennen. Wiemechanisch die Franzosen vielfach das System ihrer Grund- und Personalsteuer durch-geführt haben, sieht man an dem kleinen, aber bezeichnenden Zuge, daß sie dieunter der alten Herrschaft als exempt behandelten Wohnungen der Dorfschullehrerin der Mairie, ohne sich durch entgegenstehende soziale und pädagogische Bedenkenstören zu lassen, sofort der allgemeinen Veranlagung unterwerfen 4 ).

Besonders schwer lasten die wiederholten starken Truppendurchmärsche unddie mannigfachen seit 1806 von den Franzosen erhobenen Kriegs-Kontributionen aufdem Lande. Der kleine Mann ist schließlich völlig außerstande, den hohen undim Laufe der Jahre immer mehr gesteigerten Anforderungen der Regierung, die

') Hierin der Satz:Um . . . einer befürchteten nachtheiligen Einmischung Von Seiten dergrosherzoglichen Verwaltungsbehörde zuvorzukommen . . ." Ein offenbar ähnliches Schreiben desPredigers Engels fehlt bei den Akten.

2 ) Von Pageis vorgeschlagen.

3 ) Klanke-Richter S. 49.

4 ) D. Cultus No. 733.

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