Druckschrift 
Denkschrift zur Hundertjahrfeier der Stadt Mülheim an der Ruhr 1908
Entstehung
Seite
50
Einzelbild herunterladen
 

im Jahre 1782 erfolgten Tode die Unterherrschaft verwaltet. Sie bemühte sich seitdem bergischen Regierungswechsel im Jahre 1799 die Belehnung ihres SohnesGeorg Carl mit der Unterherrschaft (im Anschluß an den älteren Erbvergleich von 1661) 1 )bei dem neuen Kurfürsten Maximilian Joseph zu bewirken' 2 ). Mit der ganzen Schwer-fälligkeit des in nichtigen Formalitäten aufgehenden Zeitalters wurden die Verhandlungenüber die Erneuerung der Lehnsabhängigkeit geführt. Aber Jahr nach Jahr vergeht,ohne daß das Ziel erreicht wird, und schließlich ist es überhaupt zwecklos geworden,das Ziel zu erstreben. Es ist zu spät, um die Lehnrührigkeit der UnterherrschaftBroich vom Herzogtum Berg von neuem mit allen Klauseln zu umschreiben, dennein Mächtigerer ist über die beiden Verhandelnden gekommen, über den Kurfürstenund die Landgräfin und damit über diese ganze, _in__den letzten Zügen liegendepatriarchalische Herrlichkeit. Der skrupellosen Willkür Napoleons ist zusammen mitdem Herzogtum Berg auch das Mülheimer Land zum Opfer gefallen. Am 15. März 1806,also noch lange vor dem Ausbruch des preußischen Krieges, macht Napoleon seinenSchwager Joachim Murat zum Herzoge von Berg. SechsTage später ist die vom KurfürstenMaximilian Joseph für die Untertanen erlassene Eidesentbindung am Rathause zuDüsseldorf angeschlagen. Man kennt die satirischen Erinnerungen daran in HeinrichHeines Buche Le Grand:Als wir eines Morgens zu Düsseldorf erwachten und gutenMorgen, Vater, sagen wollten, da war der Vater abgereist, und in der ganzen Stadtwar nichts, als stumpfe Beklemmung . . . Die Herren Ratsherren gingen so abgedanktund langsam umher . . ."

Für das Herzogtum im ganzen zerfällt die Zeit der Fremdherrschaft in zweipersönlich und sachlich von einander verschiedene Perioden 8 ). Murat hat die herzog-liche IJncTspäter die großherzogliche 4 ) Würde nur bis zum Jahre_1808 bekleidet.Seit diesem Jahre hat Napoleon, um das Land noch vollständiger in das Systemseiner deutsch-europäischen Politik einzuordnen, es noch enger mit Frankreichverbunden: einige Monate nennt er sich selbst Großherzog von Berg. Am 3. März 1809verleiht er dann diesen Titel seinem unmündigen Neffen Ludwig, dem ältesten Sohnedes Königs von Holland, behält sich selbst jedoch ausdrücklich die Verwaltung biszur Großjährigkeit seines Neffen vor. Überhaupt ist diese Zession nur eine Formalität.Nicht die Beamten eines unmündigen Kindes sind für die letzten Jahre der Fremd-herrschaft seit 1808 verantwortlich, sondern die Grafen Beugnot und Röderer, dieBeauftragten des Kaisers, und somit im letzten Grunde der Kaiser selbst. Diesebeiden Perioden sind auch sachlich von einander verschieden. Unter Murat dringtder französische Einfluß nur zaghaft und Schritt für Schritt im Lande vor. Napoleonselbst aber setzt auch bei Verwaltung dieses Landes je länger je mehr alle Rücksichtenbei Seite, und es gibt dann nur noch einige wenige Unterschiede zwischen demformell selbständigen Großherzogtum Berg und den vier mit Frankreich vereinigtenDepartements auf dem linken Rheinufer.

Die Verschiedenheit der beiden Perioden der Fremdherrschaft kommt auch inder Unterherrschaft Broich zum Ausdruck. Durch die bereits erwähnten Rheinbundsaktewaren die Herrschaften Broich und Styrum zum Großherzogtum Berg geschlagenworden. Aber unter Murat hat die hessisch-darmstädtische Mittelregierung noch

i) Klanke-Richter S. 207 ff.

2 ) Schon 1791 ließ sie die Beamten der Herrschaft huldigen: ebd. S. 79 ff.

3 ) Ch. Schmidt, le grand-duche de Berg, Paris 1905.

4 ) Durch die Rheinbundsakte vom 17. Juli 1806 wurde das Herzogtum Berg zum Groß-herzogtum erhoben: Ch. Schmidt, S. 14.

50