Druckschrift 
3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
Entstehung
Seite
803
Einzelbild herunterladen
 

Band III. Spez. Theil.

VI. Abschnitt: Verletzungen des Kniegelenks.

803

244. K. K., Füsilier vom 1. Westpreussischen Grenadier-Regiment No. 6, verwundet am 18. August 1870 bei Gravelotte:Gewehrschuss in das obere Drittel des rechten Schien-beins mit Knochensplitterung bis ins Gelenk. Im Feld-lazareth zu Ars sur Moselle Eisbehandlung; starke Entzündungmit reichlicher, später jauchiger Eiterung, Bildung von Eiter-herden. Tod am 16. September.

245. G. Seh., Füsilier vom 2. Garde-Regiment z. F., ver-wundet am 18. August 1870: Gewehrschuss durch das rechteKniegelenk mit Zerschmetterung des oberen Gelenk-endes des Schienbeins; Gypsverband. Am 3. September sehrstarke Eiterung und starker Durchfall. Am 16. September Tod.

246. Th. St., Füsilier vom Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment No. 2, verwundet am 18. August 1870: Gewehrschussin das linke Knie. Splitterung der Knorren des Schien-beins und Eröffnung des Kniegelenks. Im Feldlazarethpyämische Erscheinungen, Durchfälle, feste Schwellung des Ober-schenkels bis zur Schenkelbeuge. Tod am 16. September.

247. II. v. H., Musketier vom 2. Hannoverschen Infanterie-Regiment No. 77, verwundet am 6. August 1870 bei Spicheren:Gewehrschuss durch das rechte Kniegelenk von innen nachaussen mit Zerschmetterung des oberen Sehienbein-endes. Im Reservelazareth Bonn am 11. August Phlegmonean Ober- und Unterschenkel, hohes Fieber. Am 15. AugustEiteransammlungen am Bein, starke Eiterung aus dem Gelenk.Am 31. August Tod in Folge von Erschöpfung.

248. Gh. K., Füsilier vom 4. Garde-Regiment z. F., ver-wundet am 16. August 1870 bei Mars la Tour: Gewehrschussdurch den rechten Unterschenkel. Splitterung beider Kno-chen und Sprünge bis ins Kniegelenk. Im Feldlazarethzu Mars la Tour Drahthose. Am 27. August Rose. Am 2. Sep-tember Jauchung, Irrereden und Tod.

249. Ph. IL, Grenadier vom 1. Garde-Regiment z. F., ver-wundet am 18. August 1870bei Gravelotte: Gewehrschuss durchdas rechte Knie; starke Zerschmetterung des oberenSchienbeinendes. H. starb am 27. August an Kieferklemme.

250. Ch. N. vom 1. Nassauischen Infanterie - RegimentNo. 87, verwundet am 4. August 1870 bei Weissenburg: Gewehr-schuss ins rechte Knie neben der Kniescheibe; Kugel steckt.Im Vereinslazareth Weissenburg am 13. August 1870 Heraus-nahme der Kugel. Tod am 25. August an Septicämie mitdiphtherischer Phlegmone.

Sektion: Der innere Knorren des Schienbeins zer-schmettert. (Vergl. Billroth, Chirurg. Briefe, S. 232,No. 35.)

251. A. Seh., vom Leib-Grenadier-Regiment (1. Branden-burgisches) No. 8, verwundet am 6. August 1870 bei Spi-cheren: Gewehrschuss durch den Kopf des Schienbeinsvon vorn oben nach innen unten. Am 13. August ins LazarethHeinitz aulgenommen. Das Kniegelenk schien frei zu sein, daes ohne Schmerzen aktiv bewegt werden konnte. Am 21. inFolge heftiger Bewegung Schmerz und Schwellung des Gelenks;Gypsverband; Schüttelfrost. Am 26. geringe Schmerzhaftigkeitdes Kniegelenks. Schmerz im Schultergelenk. Am 10. Sep-tember: Einschnitt in eine übelriechende Eiterhöhle um das Knie-gelenk, welche 'nicht mit demselben in Verbindung zu stehenschien. Am 2. Oktober: Tod. (Vergl. H. Fischer, S. 51,No. 27.)

252. Deutscher A. B., verwundet am 6. August 1870 beiWörth: Gewehrschuss durch das linke Kniegelenk. Eingang aminneren Schienbeinknorren; Verletzung desselben. Ausganghinten unterhalb der Kniekehle. Am 14. August 1870 im

Reservelazareth Karlsruhe: Verjauchung des Gelenks, Eiter-senkungen am Oberschenkel, Schüttelfrost, Gelbsucht; Draht-schiene, Drainirung des Gelenks; Tod am 31. August 1870 anSepticämie.

Sektion: Absprengung eines Stückes vom innerenSchienbeinknorren, weitgehende Verjauchung, Gefässe frei.(Vergl. Socin S. 177, No. 22.)

253. G., vom 3. Badischen Infanterie-Regiment No. 111:Gewehrschuss ins linke Kniegelenk. Geschoss in der Kniekehleausgeschnitten; Lagerung in Drahthose und Eisblase. Eiter-ansammluug im Gelenk machte Einschnitte in die Kapsel nöthig;Schüttelfröste; Tod am 24. Tage an Pyämie.

Sektion: Splitterung der Schienbeinknorren, Ver-jauchung des Kniegelenks, Eiterherde in den Lungen. (Vergl.v. Beck, S. 614, No. 2.)

254. Franzose F. M., vom 74. Linien-Infanterie-Regiment,wurde am 4. August 1870 bei Weissenburg von einer Kugelgetroffen, welche über dem Köpfchen des Wadenbeins eindrang,den äusseren Knorren des Schienbeins zertrümmerteund am Schienbeinstachcl heraustrat. Der Verlauf schiengünstig bis zum 20. August, an welchem Tage ein Einschnittgemacht wurde, um den Eiter zu entleeren. Am 21. Nachtsvenöse Blutung aus der Schnittwunde, die von selbst stand.Vom 23. an drei Schüttelfröste, in deren Folge der Krankesehr schnell erschöpft wurde und am 25. August starb.

Sektion: Kniegelenk verjaucht; der Unterschenkel biszum unteren Drittel, der Oberschenkel bis über die Mitte vonJaucheherden durchsetzt. Weder Metastasen noch Thrombose.(Vergl. Czerny, S. 62, No. 84.)

255. Franzose J. G., verwundet am 18. August 1870 beiGravelotte: Gewehrschuss durch das rechte Knie. Eingangs-öffnung in der Mitte der Wade; Ausgang am unteren Randeder Kniescheibe. Die Kugel hatte den Kopf des Schien-beins von hinten unten nach vorn oben durchsetzt,den Knochen vielfach zersprengt und war in den vor-deren Theil des Gelenks eingedrungen, in welches sicheine grosse Anzahl Spi'ünge fortsetzten. Der Verwundete kamin einem gleich nach der Verletzung angelegten Gypsverbandeam 17. Tage nach Karlsruhe, die Wunden eiterten nur ganzoberflächlich bei ungestörtem Allgemeinzustand. Die Verletzungwurde als Bruch des Schienbeins und die Betheiligung des Ge-lenks für unwahrscheinlich angesehen. Bei Erneuerung desunbrauchbar gewordenen Verbandes war das Knie nicht ge-schwollen, die Scheibe gut beweglich; an der Bruchstelle befandsich eine leichte Einknickung, die sich ohne Mühe ausgleichenliess. In der 7. Woche war eine reichliche Kallusbildung durch-zufühlen. G. konnte auftreten und das Knie bis zum rechtenWinkel aktiv leicht beugen; er hatte nie gefiebert. Da dieWunden nicht völlig vernarbt, sondern noch mit trockenenSchorfen bedeckt waren, der Heilungsverlauf ausserdem eingrosses Interesse bot, wurde mit der Entlassung gezögert. Inder 11. Woche, als der völlig Genesene eben entlassen werdensollte, wurde er von sehr heftiger Rose befallen; am 3. Tagedanach schwoll das Kniegelenk an. Zwei Einstiche entleerteneine ziemliche Menge wässerig-eitriger Flüssigkeit. Nach elf-tägigem, hochgradigem, andauerndem Fieber trat der Tod ein.

Bei der Sektion fand sich wässrig - eitrige Kapsel-entzündung mit kaum merklicher Trübung der Knorpelflächen.Die vielfachen Spalten des Gelenkknorpels am Schienbein warenvöllig verheilt. Der mit vielen kleinen, zum Theil festgeheiltenBruchsplittern durchsetzte Schusskanal im Schienbeinkopf ent-hielt geringe Mengen frischen Eiters, von den unzähligengrösseren Knochensplittern aber war nicht einer abgestorben,

101*