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3. Chirurgischer Theil A (1888) Die Verwundungen durch Kriegswaffen bei den Deutschen Heeren im Kriege gegen Frankreich 1870/71 : Spezieller Theil: Verwundungen der einzelnen Körpergegenden ; zweite Abtheilung: Verwundungen der Gliedmaassen
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VII. Kapitel: Verwundungen der grossen Gelenke.

Band II [. Spez. Theil.

lieh erwähnt, dass derselbe längere Zeit hindurch bestand(No. 18 und 56); bei No. 18 ist gleichwohl erst etwa14 Tage nach der Verwundung heftige Gelenkentzündungeingetreten.

Für den untersuchenden Finger ist das Gelenkdurch den Schusskanal meist erreichbar, da die Pingerlängegrösser ist, als die Entfernung der äusseren Gelenkgegendbis zur Kapsel. Doch wird letztere häufig durch Mus-keln in Spannung gehalten, so dass einerseits ein Fort-gleiten über den Kapselriss möglich ist, andererseits eineTrennung der fest aneinander gehaltenen Knochenbruch-stücke in der Kapsel leicht entgehen kann. Verdecktwurde einmal (No. 19) ein Kapselloch durch die Sehnedes obersten der hinteren Kapselspanner, des oberenGrätenmuskels, so dass es selbst nach einem Resektions-schnitt, welcher zur Feststellung der Diagnose gemachtwurde, nicht gelang, ein klares Bild der Verwundung zugewinnen. Bei R.') wurde erst am 15. Tage ein Schlitzin der Gelenkkapsel gefühlt, obschon die Gelenköffnungvon vornherein als wahrscheinlich galt. Bei No. 81 fühltesich der Oberarmkopf nur etwas dicker an, während wedermit dem Finger noch mit der Sonde die theilvveise Splitterungnachgewiesen werden konnte.

Erschwert wird die Fingeruntersuchung durch diefreie Beweglichkeit des Gelenks. Dieselbe machtsehr grosse Verschiedenheiten zwischen der Verwundungs-und Untersuchungsstellung möglich, die so weit gehen,dass der Schusskanal zuweilen vollständig verlegt wird. Soberichtet H. Schwartz 2 ), dass bei einer frischen Wundedie Einführung des Fingers nicht gelang, vielmehrerst nach 14 Tagen der Nachweis der Zerschmetterung desGelenkkopfes geliefert wurde, indem man den Arm hochhob,während bei Senkung desselben der Kanal durch dieZüge des Deltamuskels verlegt wurde.

Sind Gefässverletzungen zu vermuthen, so ist bei derAbhebung des Armes zu diagnostischen Zweckengrösste Vorsicht geboten, damit nicht vollkommene Zer-reissungen der Schlag- oder Blutadern der Achselhöhle ver-anlasst werden. Eine andere üble Folge dieses Verfahrens,nämlich die Unterbrechung eines günstigen Heilverlaufes, hatG. Fischer (S. 204) bei einem ungenannten Verwundetenbeobachtet. Die Schussöffnungen befanden sich bei herab-hängendem Arme unter der rechten Schulterhöhe und in derMitte des Blattes, der Armknochen schien nur gestreift, dasGelenk uneröffnet. Nachdem die ersten Wochen ohne Zufälleverlaufen waren, erschien am 27. Tage die Eröffnung eines

!) Siehe V. Band dieses Berichtes, S. 435, No. 79.2 ) H. Schwartz, Beiträge zur Lehre von den Schusswunden,gesammelt 1848, 1849 und 1850. Schleswig 1854. S. 206.

Eiteiherdes nothwendig. Am 33. Tage wurden zur Si-cherung der Diagnose Hebebewegungen des Armesnach der Seite gemacht, wobei man das Gelenk frei fand.Tags darauf entstand Fieber und Anschwellung desGelenkes. Unter vermehrter Eiterung verschlechterte sichdas Befinden. Die Abduktionsbewegungen waren frei; alsindess in ..der Chloroformbetäubung geringe Drehung vor-genommen wurde, fühlte man Knochenkrachen, machte dieResektion und fand einen völligen Schaftbruch miteiner Schussrinne am Gelenkkopfe. Der Knorpel warmissfarbig aber glatt, die Pfanne gesund. Es hatte hier,wie Fischer bemerkt, vermuthlich eine Einkeilung derBruchenden stattgefunden, so dass die Hebung möglich,die Drehung aber nicht auszuführen war.

Welche eigentümlichen Befunde in Folge der freienBeweglichkeit des Schultergelenkes entstehen können, zeigteine Mittheilung von Rupprecht'). Ein Granatschuss hattedie Weichtheile an der Schultergräte zerrissen und oberfläch-lich verbrannt, die Schulterhöhe zerschmettert, das Gelenk ander Hinterseite durch einen 3 cm langen Riss eröffnet, auchTuchfetzen und Büschel verbrannter Haare in die Wundegetrieben. Bei der Resektion fanden sich aber über-raschenderweise eine Menge verbrannter Haare an derVorderseite des Gelenkkopfes. Nach Rupprecht hat derim Augenblick der Verletzung nach aussen gerollte Armdurch plötzliche Drehung nach einwärts (vielleicht beimZusammenfallen) die vom hinteren Theile des Kopfes her-rührenden Haare an die Vorderseite verschoben. Ob dieseErklärung die zutreffende ist, bleibe dahingestellt.

Beginnende Entzündung nach Schüssen, welche dieobere Gelenkfläche trafen, verräth sich durch Schmerz beiFingerdruck von der Achselhöhle aus, indem man die Kapselfest auf den Gelenkkopf presst, nach Schüssen durch dieAchselhöhle bei Druck auf die Austrittsstelle der Sehnedes zweiköpfigen Muskels, welche letztere bei rollendenBewegungen durch- die Dicke des Deltamuskels wahr-zunehmen ist.

Die Schwellung des Schultergelenks, durch An-füllung mit Blut, wässerigem oder eiterigem Erguss, kannso weit gehen, dass sich die Knorpelflächen um 1 cmvon einander entfernen. Wegen der verschiedenen Dickeder Kapsel findet die Ausdehnung jedoch nicht gleich-massig statt, sondern ist zuerst unter der Schultergräte,dann unter dem Schnabelfortsatz und in der Achselhöhlewahrnehmbar 2 ).

x ) Siehe V. Band dieses Berichtes, S.391, No. 11, sowie Rupp-recht, Militärärztliche Erfahrungen während des Deutsch-Französi-schen Krieges im Jahre 1870/71. Würzburg 1871. S. 61.

2) Vergl. Albert, Chirurgie 1884, II. S. 344 ff'.