492 Zweites Buch. Drittes Capitel.
er eine hervorragende Kraft entdeckt hatte, da sah er nichtnur seine Amtspflicht, sondern Herzensfreude darin, ihr dengeeignetsten Platz zum Wirken zu schaffen; er bewährte seinpädagogisches Talent in dem feinen Blick für die eigenthüm-lichen Anlagen jüngerer Gelehrter und in ihrer liebevollenPflege. Viel verlangte er eben von denen, die er besondersschätzte; nicht blind für ihre Schwächen, scheute er sichnicht sie offen zu tadeln; gerade dadurch bewies er oft ambesten, wie warm sein Herz für diejenigen schlug, an die ei-serne ernste Mahnung richtete. Wenn er häufig im Gesprächeinen von ihnen „Mein liebes Kind" nannte, so war das beiihm nicht eine leere Redewendung: welch wahrhaft väter-liches Wohlwollen er jüngeren Gelehrten erwies, das habenaus eigener persönlicher Erfahrung nicht nur in den obenerwähnten Aeusserungen Heinrich Leo und Johannes Müller,Pott und Ritschi, das haben auch sonst viele unter einandersehr verschiedenartige Zeugen dankbar bekannt. Weil erinnerliche Freude an kräftiger Ausbildung der Individualitätbesass, dachte er nicht daran zu verlangen, dass allen Bäumeneine Rinde wachse; gleichzeitig hat er geistvolle Vertretersehr von einander abweichender Richtungen freundlich er-muntert und gefördert. Selbst gewohnt, lebhaft seine per-sönliche Ansicht zu verfechten, zürnte er denen nicht, die mitgleicher Offenheit ihm entgegentraten; „den Geist nicht zudämpfen war, wie Rudolf Köpke berichtet, seine stete Rede".Allerdings hat wohl seine Lebhaftigkeit manchmal auch An-stoss erregt; viele beglaubigte und unbeglaubigte Geschichtenwurden in akademischen Kreisen von der Redseligkeit unddem stürmischen Aufbrausen des „kleinen Ministers", desJohannes parvulus erzählt. Auch seinen Chef wies der sehranders geartete Nicolovius einmal auf das Bedenkliche undGefährliche solcher Aeusserungen eines Rathes des Ministe-riums hin, und Altenstein entschloss sich darauf, ihm grössereVorsicht anzuempfehlen; aber voll erkannte er dabei dieOffenheit seines Urtheils und die auch in solchen Zügen zuTage tretende Wärme seines Interesses an. Er wusste wohl,welchen Helfer er an diesem selten begabten mit unermüd-licher Frische thätigen Mitarbeiter besass; mit „wehmüthiger