Verhandlungen über Schleierniachers Nachfolger. 483
Trotz seiner Bedenken gegen die dogmatischen Anschauungenvon Harms war durch diese persönliche Erfahrung Schulze inder Ueberzeugung bestärkt, dass dieser als Prediger eine tief-greifende wohlthätige Wirksamkeit auch in der preussischenHauptstadt zu entfalten geeignet sei, und wohl mochte erhoffen in dieser Verbindung am leichtesten die Berufung vonBaur erwirken zu können, der ihm „durch seine gründlichetheologische Gelehrsamkeit, seine tiefe philosophische Bildung,seinen milde erwärmenden und belebenden Lehrvortrag,durch die sanfte Wärme und Reinheit seines religiösen Ge-fühls und durch die einfache Würde seiner Persönlichkeit"am besten befähigt erschien, Schleiermacher auf dessen Lehr-stuhl zu ersetzen. Auch sein Minister war mit diesem seinemVorschlag einverstanden und wandte sich sofort an Harms;dieser aber konnte sieh nicht entschliessen, seine Wirksamkeitin seiner geliebten Heimath aufzugeben. An der BerufungBaurs aber wurde Altenstein, wie Schulze bemerkt, durch„geheime Einflüsterungen und Proteste" verhindert; er ent-schloss sich an seiner Statt Twesten zu berufen, den auf dasWärmste Neander empfohlen hatte, weil er „wahrhaftenüchterne wie innige evangelische Frömmigkeit, treue undaufrichtige Anhänglichkeit an das Princip der evangelischenKirche mit einem vielseitig gebildeten, freien von aller ein-seitigen Parteirichtung entfremdeten wissenschaftlichen Geist"verbände. Auch ihn hatte Schulze 1821 in Kiel kennen undschätzen gelernt und schon damals den Wunsch geäussert,diesen „ganz vorzüglichen Lehrer" für eine preussische Uni-versität zu gewinnen. Er und sein Minister zogen ihnnamentlich dem von der Mehrheit der Facultät vorgeschla-genen Olshausen vor; so übernahm es Schulze durch persön-liche Verhandlungen mit Twesten dessen Bedenken gegendie Uebersiedelung nach Berlin zum Schweigen zu bringen*)und im Sommer 1835 wurde diese in der That bewirkt.
In seiner günstigen Ansicht über Twesten war Schulzedurch Daub bestärkt, den er auf einer Reise nach Süddeutsch-
*) S. Heinrici in seinem Artikel über Twesten in der 2. Aufl. vonHerzogs Beal-Encyclopädie XVI, 104.
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