246 Zweites Buch. Erstes Capitel.
keiten anerkannte, welche die Verhältnisse seinem Unter-nehmen entgegenstellten, wusste er doch zugleich aus ihnenneue gewichtige Gründe für dasselbe zu entnehmen. Ueber-zeugt, „dass ein Staat wie ein Privatmann immer gut undpolitisch zugleich handele, wenn er in einem Augenblick,wo ungünstige Ereignisse ihn betroffen haben, seine Kräfteanstrenge irgend etwas bedeutend Wohlthätiges dauernd fürdie Zukunft zu stiften",'wies er darauf hin, welch besonderenWerth bei der Bedrängniss deutscher Sprache und Literaturdie Errichtung einer neuen deutschen Hochschule besitze undwie sie dadurch erleichtert werde, dass im Königreich West-falen die grösstentheils französische Regierung zu wenig mitdem Geist solcher echt deutschen Anstalten vertraut sei, alsdass sie unter ihr gedeihen könnten, und dass in Baiernlieligions- und National-Streitigkeiten das angefangene Guteniederdrückten: so wurde ihm ermöglicht, was ihm durchausals die Hauptsache erschien, hervorragend tüchtige Männerfür die neue Schöpfung zu gewinnen. Ganz besonderenWerth legte er darauf, dass es ihm gelang Wolf zu be-stimmen, einen Ruf nach Landshut abzulehnen und seine KraftPreussen zu erhalten; freilich äusserte er bald darauf, erzweifle, ob Wolf „leicht wieder zu einer ernsten und grossenThätigkeit kommen" werde, weil er „ein wenig in einer ArtMüssiggang verwildert" sei*J; da diese Besorgniss leider nurzu sehr durch Wolf gerechtfertigt wurde, war es um sowichtiger, dass neben ihm für die Vertretung der Philologiean der neuen Hochschule seine drei hervorragendsten HallerSchüler angestellt wurden, Heindorf, Bekker und namentlichBöckh. Die beiden Letzten hatten, wie wir uns erinnern, inHalle besonders bedeutsame Anregungen durch Schleiermacherempfangen; so verschieden er und Humboldt von einanderwaren, so vortrefflich verstanden sie sich doch in den wich-tigsten pädagogischen Fragen: Niemand hat eifriger underfolgreicher für die neue Hochschule gewirkt, als Schleier-macher, dessen kurz zuvor veröffentlichte Gedanken über
*) S. Humboldts Briefe an Goethe vom 8. April und vom 2. Juni1809 in den Neuen Mittheilungen aus Goethes Nachlass Bd. III S. 232fl.