Wilhelm von Humboldt. 241
eine anschauliche Vorstellung zu verschaffen, hatte er langeJahre im romanischen Europa gelebt und hier mit feinstemVerständniss für die Eigenart jeder Nation französische, spa-nische und italienische Natur und Kunst studirt; aber wieer aus Paris an Wolf schrieb, empfand er dabei als bestenGenuss „ein erhöhteres und durch den Contrast selbst leben-digeres Bewusstsein der volleren und kräftigeren deutschenNatur". „Die Eigenthümlichkeit deutscher Bildung und wiesehr wir in der bessern Ansicht der Kunst unsern Nachbarn vor-geeilt sind", trat ihm hier noch bestimmter als in der Heimathentgegen; so sehr er die italienische Sprache bewunderte,die er bei weitem dichterischer fand als die lateinische undohne Vergleich über die französische und selbst die spanischeerhaben, so glaubte er doch, dass sie sich der wahren Dichtungweniger anpasse als -die unsere und nicht um den zehntenTheil der griechischen so nahe sei als die deutsche. Aller-dings war diese seine Begeisterung für deutsche Art damalsfrei von jeder politischen Färbung: was ihn an Deutschlandknüpfte, war deutsche Philosophie und Kunst; dass, wer sichmit diesen beschäftige, seinem Vaterlande noch eigenthüm-licher angehöre, als ein Andrer, erfuhr er gerade in Parisbei einem Vergleich mit seinem Bruder Alexander. „Ichwar, schrieb er, vielleicht eben so gern, vielleicht noch lieberin Paris als er, allein er war unendlich weniger fremd hier.Mittheilung und Erwiderung fanden für ihn kaum nur einHinderniss. Philosophie und Kunst sind mehr der eigenenSprache bedürftig, welche die Empfindung und die Gesin-nung sich selbst gebildet haben und durch die sie wiedergebildet worden sind". Welche Gefahr auch dem deutschenGeistesleben von dem Besieger Preussens drohte, davon muss-ten dessen grösste Erfolge nun auch Humboldt überzeugen:Napoleons Politik wirkte dazu mit, dass auch dieser grossedeutsche Ideolog sich entschloss, auf dem für ihn geeignetstenPosten an der Wiedererhebung des vaterländischen Staats mit-zuarbeiten, den der fremde Zwingherr niedergeworfen hatte.Nie hatte mehr als unmittelbar vor der Katastrophe desJahres 1806 Humboldt feinstem ästhetischen Genuss sichhingegeben; nirgends war für ihn die Versuchung in solchem
Varrentrapp, Joh. Schulze. 16