234 Zweites Buch. Erstes Capitel.
nicht zu principiell bedeutungsvollen scharfen Kämpfen; aberwohl erscheint es bei solchen Stimmungen solcher Persön-lichkeiten begreiflich genug, dass über wichtige Reformenhin und her berathen und geschrieben und schliesslich nichtsgethan wurde. Dem König, dem Minister und seinen Ruthenfehlte es an Kraft, um die Reformen, die sie wünschten, indas Leben zu führen; um dem preussischen Unterrichtsweseneine Gestaltung zu geben, die den Bedürfnissen des preussischenStaats und der deutschen Nation in unserem Jahrhundertentsprach, war bei seinen Leitern eine grössere moralischeEnergie, war zugleich ein näherer Zusammenhang zwischenihnen und der eben iu diesen Jahrzehnten so mächtig fort-schreitenden Bewegung des deutschen Geistes erforderlich.Massow zog, nachdem Gedike und Meierotto gestorben waren,neben den in Berlin ansässigen Mitgliedern des Oberschul-collegs zur Bearbeitung allgemein wichtiger pädagogischerFragen aus Halle namentlich Niemeyer heran; dessen Stand-punkt aber erschien seinen damals an der Spitze der geistigenBewegung stehenden Collegen uud ihren begeisterten Schülernals veraltet und überwunden; in den Briefen des jungen BremerAdolf Müller, in denen die Gesinnungen ihres Kreises rück-haltlos ausgesprochen sind, liest man wegwerfende Urtheileüber Niemeyer und noch mehr über Massow*). Wie sehrdieser in Wahrheit utilitarischen Gedanken huldigte, welcheeinen Anhänger Schleiermachers abstossen mussten, zeigenmanche seiner Aeusserungen über Universitäten. „Aus derFülle des Herzens, erklärte er in seinen 'Ideen zur Ver-besserung des öffentlichen Schul- und Erziehungswesens',unterschreibe ich die Meinung, dass statt der Universitätennur Gymnasien und Akademien für Aerzte, Juristen u. s. w.sein sollten". Nur weil er die Ausführung „dieser in thesi sehrrichtigen Idee" mit erheblichen praktischen Schwierigkeitenverbunden fand, glaubte er, „dass in den ersten fünfzig Jahrenwir noch wohl die anomalen Universitäten werden duldenmüsssen". Und ähnlich wie in dieser Denkschrift, die er
*) S. in den im zweiten Capitel des ersten Buchs oft angeführtenauB Varnhagens Nachlass herausgegebenen Briefen von der Universitätin die Heimath S. 77 und 279.