Schwierigkeiten und Gefahren für Schulze in Weimar. Hl
besseres Ich allmählich zu entfalten", und auch dieser fand,wie er Heinrich Voss gegenüber aussprach*), in SchulzesAeusserüngen eine bei ihm ungewohnte Ruhe, anspruchsloseKlarheit und Heiterkeit. „Bei seinem ganz herrlichen regenTalent zu allem, was erringenswerth ist, bei seinem beleben-den energischen Sinn, der sich so leicht in jeder Sphäre ein-heimisch macht, und bei seinem unbeschreiblich guten, nurnoch nicht genug befestigten, noch zu sehr zu mancher süssenTäuschung hinneigenden Herzen muss er sehr bedeutend wer-den, sobald er mit sich selbst ins Klare kommt und er dasbloss Blendende, Zufällige gebührend zu verachten weiss."Dafür aber erschien ihm nichts wünschenswerther als eineVerpflanzung des Freundes von Weimar. Schon nach dembisher Angeführten wird man in der That nicht zweifelnkönnen, dass in der Enge und geistigen Dichtigkeit desWeimarer Lebens für eine Natur wie die seine in den dama-ligen Tagen es besonders schwer war, vor Verwirrung undZersplitterung sich zu bewahren; ein ganz persönliches, aberauch für Zeit und Ort charakteristisches Verhältniss kamhinzu, die Schwierigkeiten für Schulze zu steigern. „Er fandhier", so berichtet Rudolf Köpke, „eine verheirathete Frauwieder, für die er in schwärmerischer Verehrung sein Herz-blut hingegeben hätte; er sah sie in ihren ehelichen Verhält-nissen anerkannt unglücklich, leidend und ausharrend ihrerKinder wegen, voll Entsagung und Pflichtgefühl; bei solchenUmständen musste sein Herz schliesslich in den gefährlichstenZwiespalt gerathen mit sich selbst, mit seinem Beruf, mitseiner ganzen Stellung. Es kam zu fortgesetzten Conflictender Leidenschaften, die niemals zu einer versöhnenden Aus-führung geführt werden konnten; nichts als Aufregung, Unter-grabung der Seelenkräfte, Störung der begonnenen öffentlichenThätigkeit und der so eifrig gesuchten geistigen Fortentwick-lung war vorauszusehen." So strebte er jetzt von dem Ortfortzukommen, nach welchem er sich einst so sehr gesehnt,welcher ihm so vielfache Anregungen geboten hatte.
Schon bald, nachdem Passow im Herbst 1810 nach Jenkau
*) In seinem Brief vom 30. November 1810 (F. Passows Lebenund Briefe S. 136).