104 Erstes Buch. Drittes Capitel.
getrübter Eintracht" mit diesem unbedingten Verehrer antikerKunst zusammen arbeitete. Er sab sich dadurch genöthigtsich gründlich über die verschiedenartigsten. Einzelfragen derAlterthumswissenschaft zu unterrichten; über ihnen nicht dieHauptsache, den Geist der Antike ausser Acht zu lassen,über dem Nachschlagen in den Classikem nicht die Leetürederselben im Ganzen zu vernachlässigen, dazu gab es keinenbesseren Mahner als den Meister, in den er als sein Heraus-geber sich täglich mehr einleben musste. Und beeinflusstenihn andere Beschäftigungen in entgegengesetzter Richtung,doch wiesen auch sie ihn auf das Studium schwieriger undbedeutsamer Probleme der classischen Philologie hin; indem Vorwort zu seinen Reden über die christliche Religionkündigte er eine Schrift über das Christliche in Sophoklesan; mit Rücksicht darauf las er, wie er 1811 Passow mit-theilte, „unaufhörlich" den Sophokles wie auch die übrigenTragiker; sie mit Calderon zu vergleichen bot ihm dann dieAbhandlung über den standhaften Prinzen Anlass. Seine Wei-marer Arbeiten befestigten den Schüler Wolfs und Schleier-machers in der Ansicht, dass „der höchste Zweck der Philo-logie klares lebendiges Anschauen des Alterthums" sei; erverurtheilte den „Vocabelkram, wenn das Zeug sich zumZweck machen will, da es doch nur Mittel ist", und diejenigenPhilologen, „welche Register und Wörterbücher durchsuchenund nie die Zeit haben einen Schriftsteller ganz und in derFolge zu studiren", welche „in tausend Einzelheiten be-fangen sich nie zu allgemeinen Einsichten erheben"*). SolcheGesichtspunkte brachte er fortwährend auch in seinem Unter-richt zur Geltung; keineswegs glaubte er dabei sich undseine Schüler von gründlichem Studium der Einzelheiten dis-pensiren zu dürfen. „Mit Ernst und Strenge drang" er nachden Worten seiner schon früher citirten Abschiedsrede „aufgründliches lebendiges Erfassen der Sprachen des Alterthums;mit sondernder Schärfe verfolgte er den eigenthümlichen Geisteines zu erklärenden Schriftstellers bis in die scheinbar un-bedeutendsten Sprachformen und Wendungen".
*) Worte zweier Briefe an Passow vom 8. Juni und vom 31. De-cember 1811.