Schulzes Verhiiltniss zu Goethe. 97
Genius des grössten deutschen Dichters dessen politischeHaltung doppelt schmerzlich empfinden; diesem erschienenumgekehrt das stürmisch aufgeregte Wesen des jugendlichenRedners und* Schriftstellers, Inhalt und Form vieler seinerAeusserungen und der Beifall, der ihm gezollt wurde, alsSymptome der Zeitkrankheit, von welcher er die Wortführerder jungen Generation ergriffen sah.
Günstiger als Goethe hat sein Freund Knehel üherSchulzes Beurtheilung des standhaften Prinzen sich geäussert*);er fand zu seinem Vergnügen mehr darin, als er sich beimetwas wunderlichen Anfang davon versprochen: viel geistiges,viel schönes rednerisches, zarte und feine Bemerkungen.Allerdings fügt auch er diesem Lob hinzu: „Schade, dassder Autor nicht immer weiss seinen Gedanken Ziel und Masszu setzen und so zuweilen ins übergeschüttete, unschick-liche verfällt." Schulze selbst hat später die Fehler seinerJugendarbeit sich nicht verhehlt; wie Köpke berichtet, hater als Greis über sie gelächelt; bei ihrer Erwähnung inseinen Erinnerungen sagt er: „ihren zum Theil überschwäng-lichen Inhalt möchte ich heute in seinem ganzen Umfangebenso wenig vertreten, als ich mich zu der christlichenGesinnung, die ihr zu Grunde liegt, noch gegenwärtig be-kenne." Dass er zu grösserer Klarheit sich hindurchraug,seinen Gedanken Ziel und Mass setzen lernte, das verdankteer nicht zum wenigsten seinem neben allen andern Be-schäftigungen stets mit Eifer betriebenen Studium desclassischen Alterthums. Es war ein unschätzbarer Segenfür ihn, dass ihn schon sein amtlicher Beruf immer wiederzu den hellenischen Dichtern zurückführte und zugleich diewichtigste literarische Arbeit, die er in Weimar unternahm,
wurde, so gaben ihm dazu neben der Schrift über den Standhaften Prinzenbesonders die Schulzeschen Predigten Anlass; sehr bezeichnend ist, wieer 1821 dem Kanzler von Müller gegenüber klagte, dass das Publi-cum an ihnen „mehr Geschmack finde als an Rohrs klarer Gediegen-heit und aufrichtiger Consequenz". S. Goethes Unterhaltungen mit demKanzler P. v. Müller h. von Burkhardt S. 42.
*) In seinem Brief an Lotte Schiller vom 3. December 1811Charlotte v. Schiller III, 327.
V arrontrapp, Joh. Schulze. 7