86 Erstes Buch. Drittes Capitel.
indem er Mittwochs und Sonnabends Morgens uro. 11 Uhrnach Beendigung seiner Schulstunden sie auf neue bedeutendeErscheinungen der Literatur aufmerksam machte. So lernteer „ihre Sanftmuth und Milde, ihr sinniges Schaffen undstilles ernstes Streben" näher kennen; er pries diese ihreTugenden, als sie 1810 in seine mecklenburgische Heimatkübersiedelte, wo sie leider schon 1816 gestorben ist. Aufdas lebhafteste wurde er in späteren Jahren wieder an sieerinnert, da er in Teplitz ihrer Tochter Helene, der nach-maligen Herzogin von Orleans, vorgestellt wurde und beidieser Gelegenheit eine überraschende Aehnlichkeit mit derMutter namentlich in der Stimme bemerkte.
Wie in Weimar sammelte auch in dem benachbartenRudolstadt sich ein dankbarer Hörerkreis um den jungenPrediger; auch hier kam er in persönliche Beziehungen zufürstlichen Frauen, der verwittweten Fürstin Caroline, diewährend der Minderjährigkeit ihres Sohns ihr Ländchen re-gierte, und ihrer Schwester Luise, der Prinzessin Karl. Alseine Frau, wie man sie selten findet, hat bekanntlich Wilhelmvan Humboldt die Fürstin bezeichnet, ihren tiefen und um-fassenden Geist, der sich mit grösster Einfachheit und Be-scheidenheit äusserte, und ihren religiösen Sinn gerühmt, densie mit feinstem philosophischen Nachdenken verband; umso werthvoller musste für Schulze die warme Anerkennungsein, die sie seinen Reden zollte*). Nicht zum wenigsten
*) In einem Schreiben vom 21. März 1810. Dass die Fürstin, auchnachdem Schulze längst Thüringen verlassen hatte, ihm ein dankbaresAndenken bewahrte, zeigen zwei 1831 und 1839 von ihr an ihn ge-richtete Briefe, in deren erstem sie sich für ihr Landeskind Umbreitbei ihm verwendet. In diesen drei Schreiben Carolinens, die — wieüberhaupt ihre Beziehungen zu Schulze — in ihren Biographien vonAnemüller (Caroline Luise, Fürstin zu Schwarzburg-Rudolstadt 1869)und Schwartz (in seinem Buch über Landgraf Friedrich V. von Hessen-Hombnrg und seine Familie III, 245 ff.) nicht erwähnt sind, sprichtsich durchaus die gleiche Gesinnung aus wie in den von ihnen mit-getheilten Documenten; ebenso stimmt mit den von Anemüller S. 53 ff.abgedruckten eigenhändigen Bemerkungen der Fürstin über Louis Fer-dinands Verhalten in Rudolstadt unmittelbar vor seinem Tod im We-sentlichen überein, was Schulze aus ihren Erzählungen hierüber auf-