56 Erstes Bucb. Zweites Capitel.
ersten Brief Pauli an Timotheus in einer Ecke des Familien-zimmers der Steffensschen Wohnung. Aus Sparsamkeitsrück-sichten waren beide Freunde zusammengezogen, sie lebtenäusserlich „so armselig als möglich, eigentlich mehr als mög-lich"; dennoch schlug Schleiermacher eine ihm in Bremen ge-botene Stellung aus; „so lange", schrieb er, „noch ein Schattenvon Hoffnung ist für das Bestehen der Universität auf dembisherigen Fuss, lasse ich mich auf nichts anderes ein". Erhoffte, „dass nichts in Norddeutschland sich festsetzen werde,was dem echten Geist der deutschen Nation widerspräche"so sprach er seinen Entschluss aus, „so lange ich hoch inHalle Kartoffeln und Salz auftreiben kann, hier zu bleibenund das Schicksal von Deutschland hier abzuwarten, ob sichetwa eine Auferstehung von Halle ergibt, mit der ich zu-frieden sein könnte"*). Ein paar seiner nächsten Schüler,darunter Adolf Müller, waren durch besondere Gunst dortweiter geduldet; zu ihnen kehrte wie Varnhagen und balddarauf dessen Freund Neumann nun auch Schulze zurück.Der Anblick der verödeten Stadt, in deren Strassen er nochvor Kurzem ein so heiter bewegtes Leben gesehen hatte,stimmte ihn wehmüthig; aber dem Beispiel seiner Lehrerfolgend suchte und fand auch er Trost in wissenschaftlicherArbeit. Wolf ermunterte ihn in seiner drastischen Weise zurFortsetzung seiner grammatischen und archäologischen Stu-dien; als er 60 Jahre später die noch vorhandenen fünf Quart-bände Collectaneen zur Hand nahm, die er damals geschriebenhatte, erstaunte er selbst über die Fülle verschiedener beach-tenswerther Bemerkungen, die er darin eingezeichnet fand.Daneben ertheilte er der Gräfin Sophie von Stosch Unterrichtim Griechischen. Sie hatte mit ihrem Vater, dem Ministervon Hoym, nach dem Einbruch der Franzosen ihre schlesischeHeimath verlassen, ihre Söhne besuchten das Haller Päda-gogium, an dem Schulzes früherer Lehrer Seidel unterrichtete;dieser hatte sie zuerst auf seinen ehemaligen Schüler auf-
*) S. Schleiermachers Briefe aus den letzten Monaten des Jahres1806, Aus Schleieimachers Leben II, 69 ff., IV, 128 ff., seinen Brief anVarnhagen unfer den Schreiben von A. Müller S. 342.