TAFEL XLVIII.
PREDIGTEN DES
SOGENANNTEN SCHWARZWÄLDER PREDIGERS.
Cod.germ.9 enthält vornehmlich deutsche Predigten, die um die Wende des XIII. Jahrhunderts in Anlehnung an lateinische Quellenvon einem Ordensmann verlaßt worden sind. Nach seiner Heimat, dem badischen oberen Schwarzwald, dessen Mundart in den Predigtenunverkennbar ist, geht er, da sein Name unbekannt geblieben ist, unter der Bezeichnung „Der Schwarzwälder Prediger".
Der Hauptteil der Handschrift, Blatt t —111: Predigten von der Zeit, und Blatt 112—232: Predigten von den Heiligen, ist durchausvon einer Hand geschrieben. Anfang und Ende fehlen, sind jedoch in anderen, nicht seltenen Handschriften erhalten.
Die Handschrift stammt aus dem Karmeliterkloster in München. Sie wird zuerst erwähnt von Roth im Jahre 1839. Der größteTeil der Predigten von der Zeit findet sich nach einer anderen Handschrift abgedruckt bei Grieshaber.
Vgl. Deutsche Predigten des XII. und XIII. Jahrhunderts aus gleichzeitigen Handschriften zum ersten Male herausgegebenund erläutert von Karl Roth (= Bibliothek der gesamten deutschen Nationalliteratur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. Band XI,Theil 1). 1839, S. 4 und 8. — Deutsche Predigten des XIII. Jahrhunderts, zum erstenmal herausgegeben von Franz Karl Grieshaber. I.II. 1844 — 1846. — R. Cruel, Geschichte der deutschen Predigt im Mittelalter. 1879, S. 322 ff. — Anton Linsenmayer, Geschichte derPredigt in Deutschland. 1886, S. 354 ff. — Albert Leitzmann, Zur Laut- und Formenlehre von Grieshabers Predigten. 1889 {— Paul undBraunes Beiträge. XIV 1889, S. 473—521). — Pauls Grundriß 2 II, 1, S. 283. — Johannes Daehring, Die Überlieferung der GrieshaberschenPredigten. Diss. Halle 1909, S. 18 ff. — Adolf Spamer, Über die Zersetzung und Vererbung in den deutschen Mystikertexten. Diss.Gießen 1916, S. 89, 238 und 311. — Deutsche Heiligenpredigten nach Art des „Schwarzwälder Predigers". Mitgeteilt von Georg Buch-wald in den Mitteilungen der deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Altertümer in Leipzig. XI 1920, S. 52.
Die kräftige und im ganzen regelmäßige, gotische Buchschrift des XIV. Jahrhunderts zeigt in beiden Spalten der stattlichen Seite (Blatt 112r derHandschritt) die eigenartige Brechung der Rundungen besonders deutlich, wenn auch nicht bei allen Buchstaben in gleichstarkem Maße ausgeprägt. DerEindruck des Gedrungenen wird hervorgerufen einmal durch die an sich großen und breiten Grundstriche; nur Unterlängen, vornehmlich die von h,laufen in sich verjüngende Endstriche aus. Dann entbehren die Ober- und Unterlängen zwar nicht kräftigerer Ausbildung, aber in dem Verhältnisder mittleren zu den größeren Buchstaben überwiegen doch die ersteren. Endlich wird dieser Eindruck verstärkt durch das fast völlige Fehlen vonlängeren Haarstrichen bei sämtlichen Buchstabenformen. Wenn das Schriftbild der leichteren Töne doch nicht ganz entbehrt, so liegt das an derrecht reichlichen Verwendung sehr feiner Zierstriche. Solche finden sich regelmäßig bei b, h, k, 1, 11 — hier wagrecht (vgl. die Tafeln XLIIB undXLIV) —, r, s, meist nur am Ende eines Wortes bei e, f, g, t, z, ferner bei einer Anzahl großer Buchstaben und endlich in sehr vielen Fällen beimPunkt. Soweit der Schreiber die Wilhelm Meyersche Regel beobachtet, führt er sie auch ohne Schwanken zwischen Verbindung und Trennung wirklichregelmäßig durch. Das ist der Fall bei be, de, da, do, pe, po. Kann man bei der oben hervorgehobenen Brechung auch hier nur mit Vorbehalt voneinem Zusammenschreiben von Rundungen sprechen, so mag bei der so gut wie immer unterlassenen Verbindung von h ebenso die vielfach nachlinks eingedrückte Form des zweiten Grundstriches wie auch dessen Ausbildung zur Unterlänge die Ursache gewesen sein. Die Trennung von b unde in leben (B, Z. 3) ist ohne Belang, da sie auf Rasur steht und durch eine nachträgliche Verbesserung entstand. Von dem einmaligen Vorkommeneines gekrümmten i nach d (Ä, Z. 20) abgesehen, begegnet i nur nach o. Hier ist es in allen Fällen gesetzt; der Schreiber hält also den anderwärtszu beobachtenden Unterschied der Verwendung von o* vor Konsonanten, or vor Vokalen nicht ein. Von den alten Buchstabenverbindungen ist nurft noch übrig geblieben, das getrennt nicht vorkommt. Vielleicht ist die größere Höhe des Schaftes beim t nach c (A, Z. 24) nicht zufällig, sondernder Nachklang einer früher ausgeprägteren Erscheinung; vgl. Tafel XLV.
Die Form des a ist aus der doppelbogigen dadurch weitergebildet, daß sich der Doppelbogen links durch Ausfüllung der Einkerbung zu einemgeraden Grundstrich verdickt hat, während der trennende Mittelstrich bis auf einen kleinen Rest zusammengeschrumpft ist; vgl. Tafel XLIV und XLV.Das c schließt sich mit seinem Häkchen oben immer an den folgenden Buchstaben an. Die abgebogene Form des d herrscht ausschließlich. Dasg ist auch unten immer geschlossen. Das h geht mit seinem zweiten sich verjüngenden Zug ziemlich stark unter die Zeile; manchmal ist derEndstrich etwas geschlängelt (A, Z. 37). Hinsichtlich des i-Punktes hält der Schreiber keine Regel ein; bald setzt er einen wirklichen Punkt (in A,Z. 26), bald macht er einen hakenförmig gekrümmten, feinen Strich (doclrina A, Z. 26); bald läßt er beides weg (uir A, Z. 19). Bei p und q ist derSchaft unten meist etwas nach rechts gebrochen und endet ohne Zierstrich (A, Z. 20); ersteres ist mitunter oben nicht geschlossen (A, Z. 18;B, Z. 24). Zwischen f zu Beginn und im Innern und s am Ende der Wörter wird sorgfältig unterschieden; nur wenn sanct zu s gekürzt wird, isttrotz des Anlauts rundes s gesetzt (B, Z. 31 und 33 gegen A, Z. 29), das dann ebenso wie h = heilig (B, Z. 14), i = id est (Ä, Z. 20; vgl. Tafel XIund XII), q = quasi (A, Z. 22) und die Zahl XII (B, Z. 30) durch vorangehenden und folgenden Punkt hervorgehoben wird; vgl. Tafel XX undXXVIII. Der Querbalken des t ist etwas unterhalb der Spitze des Schaftes und zwar meist nur nach rechts angesetzt. Im Gebrauch von u und v folgtder Schreiber beim deutschen Text der Regel, daß zu Beginn der Wörter v, in ihrem Innern u zu setzen ist; eine Ausnahme bildet die Schreibungdes Wortes ew (R, Z.31). Im lateinischen Text ist diese Unterscheidung nicht beobachtet; hier begegnet außer einem zweimaligen virilis (A, Z. 19und 26) nur u. Die aus drei übereinander gesetzten, kleinen Bogen bestehende, seltene Form des z erinnert sehr an die auf Tafel XLII B vorkommende.
Die Überschreibungen von e über u (A, Z. 28), w (A, Z. 31), v (Ä, Z. 36) und o (R, Z. 37) und von o über u (B, Z. 22) zeigen keine festeRegel (z.B. vmb B, Z. 19, gegen vmb B, Z. 18); die Form des e ist dabei teilweise (R, Z.31) schon in der Auflösung begriffen; vgl. Taf. XXXIX.
Kürzungen wendet der Schreiber im lateinischen Text stärker an als im deutschen. Hier begegnet am häufigsten der kurze, wagrechteStrich zur Bezeichnung des abgefallenen schließenden Buchstabens in dem häufigen vnd (R, Z. 29) wie für weggelassenes n (A, Z. 31) und m (B, Z. 3).Merkwürdig ist, daß der Schreiber bei Wan/ze (B, Z. 3) zwei Striche für das abgefallene ne setzt. Geht dem zu kürzenden n oder m ein de voraus,so wird statt des wagrechten Striches ein kleiner, von links her breit angesetzter Haken gebraucht, der dem d oben angefügt wird (B, Z. 5). Im la-teinischen Text benützt ihn der Schreiber als allgemeines Kürzungszeichen ( R, Z. 20); er entspricht auch in der Form völlig dem späteren Apostroph.Von diesem ist durch eine von rechts her geschlängelte Form unterschieden der häufiger vorkommende Haken, der mit er aufzulösen ist (A, Z. 28)und auch mit dem d verbunden begegnet (A, Z. 39). Wie der Punkt ist auch der erstgenannte Haken für n oder m gelegentlich mit einem Zierstrichversehen (A, Z. 27) und wird dadurch dem er-Haken ähnlich, doch lassen sich beide durch die Verschiedenheit ihrer Grundform genügend auseinanderhalten (B, Z. 20: de/« neben hen). Das Hochstellen eines Vokals dient endlich als Zeichen eines davor zu ergänzenden r (A, Z. 32; B, Z. 23 und24). In den beiden letztgenannten Fällen, wie auch A, Z. 20, ist bei dem übergeschriebenen a die ursprüngliche Form des alten offenen a kaummehr zu erkennen. Das a ist mit dem darübergesetzten Strich (vgl. Tafel XXIX) zu einem konventionellen Zeichen verschmolzen.
Beim Abteilen zerlegt der Schreiber die Worte, ohne die Silben zu zerreißen, und setzt doppelte Bindestriche (A, Z. 21), jedoch nicht immer(A, Z. 40). Als Satzzeichen begegnet nur der Punkt; außerdem steht zu Beginn des deutschen Predigttextes ein rotes Paragraphzeichen (A, Z. 27). Diegrößeren und kleineren Sinnesabschnitte werden durch einfache und etwas reicher ausgeführte Majuskeln ausgezeichnet (B, Z. 29). In der gleichenWeise werden die Eigennamen hervorgehoben (A, Z. 29; B, Z. 16). Neben der Klarheit der anderen Buchstaben fallen vornehmlich die Majuskeln E(B, Z. 8), N in zwei verschiedenen Formen (B, Z. 11 und 13), S (A, Z. 27) und U (B, Z. 23) durch ihre krause, verschnörkelte Form auf. Die Majuskelnsind sämtlich mit Rot kräftig gestrichelt und tragen dadurch auch zur künstlerischen Ausstattung der Seite bei, die durch den prächtigen Initial-buchstaben A und seine weit ausgreifenden Zierlinien beherrscht wird. Der Drachen und die beiden kleineren Fabeltiere sind ganz im Stil der damalsherrschenden Gotik. Die Zeile 17 von Spalte A leitet mit ihren blauen und roten Zierbuchstaben gut zu der ruhigeren Fläche der schwarzen Schrift über.
Die deutliche, jedoch nicht immer genau eingehaltene Lineatur ist wohl mit der gleichen Tinte wie die der Schrift gezogen, nur erscheint in derdünnen Linie die Farbe hellbraun. Das Pergament ist ziemlich rauh; die Schrift der Rückseite scheint zuweilen durch (A, Z.36—38).