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4 (1924) Deutsche Schrifttafeln aus Pergamenthandschriften des XIII. und XIV. Jahrhunderts
Entstehung
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TAFEL Uli

GESTA ROMANORUM UND ZAUBERSPRÜCHE.

Cod. germ. 54 enthält die weitverbreitete Legenden- und Erzählungensammlung der Gesta Romanorum in einer deutschen Über-setzung, als deren Verfasser sich Bl. 10r und 13v der Esse nennt. Angeschlossen sind noch die Legenden von den 10000 Rittern, von denhl. 3 Königen und von der hl. Barbara, sowie eine Reihe von Segens-, Heil- und Zaubersprüchen, die sichtlich auf wesentlich frühere Zeitals die Handschrift zurückgehen. Geschrieben wurde der Codex wohl in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts, nach Schönbachs An-nahme auf bayerisch-schwäbischem Gebiet. Nach den Feststellungen Otto Hartigs ist er wahrscheinlich aus dem Besitz Johann JakobFuggers in die herzogliche Bibliothek nach München gelangt, wo er bereits i. J. 1582 mit der Bezeichnung Manuscr. Teutsch St. (=Statio)4 Nr. 9 aufgestellt war.

Gedruckt wurden die Gesta Romanorum (Bl. 188 der Handschrift) nach einer Abschrift Franz Pfeiffers von Adelbert Keller (1841),die Segen- und Zaubersprüche später (1880) von Anton E. Schönbach.

Vgl. Adelbert Keller, Gesta Romanorum (= Bibliothek der gesamten deutschen Nationalliteratur. Bd. XXIII) 1841. HermannOesterley, Gesta Romanorum. 1872, S. 230. Anton E. Schönbach in der Zeitschrift für deutsches Altertum. XXIV 1880, S. 65-82.Otto Hartig, Die Gründung der Münchener Hofbibliothek ( = Abhandlungen der Münchener Akademie der Wissenschaften, philos.-philol.und hist. Klasse, Bd. XXVIII, 3. Abh. 1917), S. 269.

Die Schrift der ganzen Handschrift, aus der wir Bl. 94v und 95r vorlegen, zeigt ein starkes Vordrängen von kursiven Elementen in der hierdurch besonders spitze und eckige Brechungen ausgezeichneten gotischen Minuskel, wie es sich im XIY. und XV. Jahrhundert besonders in Büchernfür den täglichen Gebrauch, Konzepten, Rechnungsbüchern u. dergl., seltener dagegen in literarischen Handschriften durchsetzt. Durch die sehr steile,gerade Stellung der Buchstaben und ihre vielfach ganz fehlende oder unvollkommene Verbindung ist noch der Grundcharakter der Buchschrift ausgeprägt,der sich auch in mancher einzelnen Formgebung (von a, f, p) erhalten hat. Überwiegend aber bemerkt man, wie das Bedürfnis und Streben nach raschem,flüchtigem Schreiben die Formen beeinflußt und ändert. Die Ober- und Unterlängen sind mit großer Entschiedenheit ausgebildet; während aber dieUnterlängen von p, h, y und z, zu denen auch f und f hinzukommen, dünn und spitz zulaufen, haben sich an den Oberlängen von b, 1, h, d (Ä, Z. 1)wie von f (A, Z. 5) und k (B, Z. 20) schon vollkommen die kursiven Schleifen entwickelt, die oft noch etwas kantig abgebogen, fast dreieckförmig(A, Z. 1), beim d aber fast immer und auch bei den anderen Buchstaben oft schon ganz rund sind (A, Z. 2). In derselben Weise gerundet ist auchdas Kürzungszeichen für er, das gerne mit dem letzten Buchstaben des Wortes verbunden wird (A, Z. 11), oft aber auch ganz frei schwebt (Ä, Z. 5).Zu Zierstrichen nimmt sich der Schreiber nicht gern Zeit und so läßt er in der Mehrzahl der Fälle den dünnen senkrechten Abschlußstrich beim t amWortende weg (A, Z. 1 gegen 25), ebenso oft den leichten Schlußstrich am runden s (A, Z. 10 gegen 3). Nur ausnahmsweise zieht er, in der bescheidenverzierten Schlußschrift A, Z. 42, einen wagrechten Strich durch das 11 und verlängert gelegentlich am Zeilenende das n oder m mit einer verzierendenSchlinge nach abwärts (A, Z. 3; B, Z. 32) oder das r mit einer Zierschlinge nach oben (A, Z. 33 gegen 1). Viel öfter gelangt seine eilige Hand zu einerVereinfachung der Form des r, das seine Fahne in einer langgestreckten gebogenen Linie ganz verliert (B, Z. 8). Die wagrechten Linien liegen der Handdes Schreibers sichtlich bequem und er zieht sie sowohl bei den häufigen Kürzungsstrichen wie bei den Buchstaben g (Ä, Z. 18) und t (A, Z. 5) flottund spitz zulaufend in die Länge. Auch seine Buchstabenverbindung beruht vorwiegend auf den Querstrichen von f, t (Ä, Z. 1), g (A, Z. 3) undnamentlich e (A, Z. 1), das mit Heraufrücken der gewohnten Zunge eine starke Ausbildung des oberen Hauptstriches, fast parallel dem unteren,erhalten hat. Im übrigen ist die Buchstabenverbindung auffallend unvollkommen. Da die i, n, m und oft selbst die t (A, Z. 1) und u (A, Z. 2 gegen3) am Ende wie auch bei den vorderen Grundstrichen unten spitz zulaufen und fast immer jeder Umbiegung entbehren (A, Z. 1), stehen zur Verbindungmit dem vorangehenden Buchstaben nur die kleinen oberen Aufstriche zur Verfügung, während der folgende Buchstabe abgetrennt bleibt. Auch dieVerbindung bogiger Buchstaben nach der Meyerschen Regel ist dem Schreiber nicht selbstverständlich, wenn auch wohl bekannt; er schreibt de (A,Z. 2), vo (B, Z. 41), do (A, Z. 19), ja sogar da (A,Z. 2) und ga (A,Z. 13) in einander, oft aber berühren sich die beiden Bogen nur leicht (be A, Z. 1; da B, Z. 30)oder bleiben für h, p und b die Regel ganz getrennt (A, Z. 32,17,13). Das runde * verschmäht der Schreiber fast ganz (nur A, Z.36 und B, Z.9). Seine Buch-stabenformen widerstreben der Rundung und sind aus verschiedenen spitzen und scharfen Strichen zusammengesetzt. Das kann man besonders anseinem ausgesprochen überhöhten a beobachten, das unten meistens gar nicht geschlossen ist (A, Z. 5), wie auch das verschiedenartig kantig zusammen-gesetzte g häufig offen bleibt (A, Z. 30, 33). Die dem f und f aufgesetzte Haube mit ihrem langen Aufstrich (A, Z. 26) ruft meistens oben eine aus-geprägte Verdickung des Stammes hervor (A, Z. 1); doch fehlt sie meist in der Ligatur ft (A, Z. 2 gegen A, Z. 18). Nur ausnahmsweise gewinnt dast Ähnlichkeit mit c in der Ligatur ch (A, Z. 15 gegen 3). Eine weitere Ligatur, die der Schreiber viel gebraucht, ist ee (A, Z. 5) mit dem e oben.

Die übergeschriebenen o und e lösen sich bei der Flüchtigkeit des Schreibers mehr oder weniger auf zu zwei Strichen (A, Z. 13) oder Punkten(A, Z. 15); die ursprüngliche Form ist oft gar nicht mehr mit Bestimmtheit erkennbar, wie sie auch mehr und mehr den Wert einer Umlautbezeichnungverliert und nur noch der Hervorhebung des Vokals dient (auch über w, A, Z. 21) in der Art des i-Punktes, der fast ganz durchgeführt (A, Z. 1)und auch über dem y gesetzt ist (A, Z. 4). Zu diesen Vokalzeichen kommt noch der Akzent (A, Z. 19) in ewichleich, aber nicht regelmäßig überlangem e. Über diese und andere Unregelmäßigkeiten der Schreibweise hat schon Schönbach Beobachtungen angestellt. Er betont einige deutlich ale-mannische Lautbezeichnungen, findet aber die bayerischen überwiegend. Aus dem Wechsel der Schreibungen u und v (B, Z. 1 gegen 14, 5 gegen 7),y und i (A, Z. 11 gegen 1), z und s (A, Z. 1 gegen 3), kg und kk (B, Z. 8 gegen 39) usw. sind weder graphische Regeln noch mundartliche Schlüsse abzuleiten.

Kürzungen verwendet der Schreiber entsprechend der Flüchtigkeit seiner ganzen Schrift reichlich; neu ist dabei die Benützung des allgemeinenKürzungsstrichs für den Ausfall eines Vokals (A, Z. 4). Im übrigen bezeichnet in der üblichen Weise der meist ziemlich gerade, seltener etwas gebogene(A, Z. 5), spitz auslaufende Kürzungsstrich die Auslassung von n (A, Z. 5), m (A, Z. 13) und in vnd von d (A, Z. 16), daneben die aus den grie-chischen Buchstaben entwickelte Abkürzung für ihe/us chri/tus (B, Z. 3) und die gebräuchliche lateinische für pater noßer (B, Z. 9). Außerdem wendetder Schreiber sehr häufig die übliche Kürzung für er (A, Z. 3) und für us (B, Z. 28), gelegentlich auch durchstrichenes p für per (A, Z. 31) an undfür et (B, Z. 9) die Ligatur & in einer Form, die fast seinem a ähnelt; auch kennt er die Hochstellung des Vokals zur Bezeichnung eines vorangehen-den, nicht geschriebenen r (A, Z. 20). Als Satzzeichen gebraucht er fast nur den Punkt, diesen aber ziemlich reichlich.

Auf Verzierung der Handschrift ist nur wenig Bedacht genommen. Kleinere Abschnitte werden ohne neue Zeile dadurch angedeutet, daß siemit einem großen Buchstaben beginnen, der rot durchstrichen ist. Auch Namen (A, Z. 31) und Personenbezeichnungen wie Engel (A, Z. 30), Ritterschaft(A, Z. 32), Got (B, Z. 3) werden gerne, doch durchaus nicht regelmäßig in dieser Weise hervorgehoben. Die dabei angewendeten großen Buchstabensind im wesentlichen nur vergrößerte Minuskeln und von diesen oft nur schwer zu unterscheiden, da sie ihre Form meist wenig verändert haben: A(A, Z. 4), D (A, Z. 25), C (B, Z. 29), H (A, Z. 14), I (B, Z. 13), N (B, Z. 39), P (B, Z. 28), W (A, Z. 21). Das B (B, Z. 4) hat seinen Stamm verdoppelt;das E hat seine Zunge wieder ausgeprägt (A, Z. 35); das S ist aus dem Schluß-s hervorgegangen (B, Z. 6). Nur G (A, Z. 39) und T (B, Z. 28)zeigen bereits eine weiter gehende Entwicklung im Sinne der späteren Versalien. Die einzige Initiale I (B, Z. 1) ist ziemlich kärglich schwarz ausgeführtund rot gestrichelt. Rot sind die Gebetskreuze auf Bl. 95r und die beiden frommen Ausrufe zur Zeilenfüllung A, Z. 42 und B, Z. 31. Trotz dieses sehrbescheidenen Schmuckes wirkt aber das Schriftbild, das von festen, freilich nicht streng beachteten Linien umrahmt ist, doch gefällig und leicht,entsprechend der Gewandtheit und Sicherheit des Schreibers, der keine monumentale Wirkung anstrebt, sondern vornehmlich dem bequemen Gebrauchedienen will.