Druckschrift 
4 (1924) Deutsche Schrifttafeln aus Pergamenthandschriften des XIII. und XIV. Jahrhunderts
Entstehung
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TAFEL LIV.

LIEBESBRIEF.

Cod. germ. 189 ist der älteste deutsche Liebesbrief, der uns in der Urschrift erhalten ist. Er ist in der zweiten Hälfte des XIV. Jahr-hunderts, nach Docen etwa um 1360, geschrieben worden auf einem schmalen, über 40 cm langen Pergamentstreifen, der zusammen-gerollt der unbekannten Ädressatin überbracht wurde. Gefunden wurde der Brief, dessen Mundart einen bayerischen Schreiber bezeugt,von Landgerichtsdirektor von Gemeiner in Regensburg, der seinen Fund an Docen überließ.

Vgl. Bernhard Docen im Morgenblatt für gebildete Stände. IX 1815, S. 665666. Hans Ferdinand Maßmann im Anzeiger für Kundedes deutschen Mittelalters. II 1833, Sp. 3940 und 126. Goedekes Grundriß I 2 1884, S. 254. Georg Steinhausen, Geschichte desdeutschen Briefes. I 1889, S. 11. Albert Ritter, Ältschwäbische Liebesbriefe ( = Grazer Studien zur deutschen Philologie. Heft 5). 1897,S. 95 f., 98 f. Ernst Meyer, Die gereimten Liebesbriefe des deutschen Mittelalters. 1898, S.6668.

Spalte A und B unserer Tafel ergeben an einander gesetzt die Vorderseite, Spalte C den oberen Teil der Rückseite des Briefes, dessen 39. Versin unserer Wiedergabe der Deutlichkeit halber wiederholt ist. Der größte Teil der Rückseite ist unbeschrieben. Linierung und Verzierungen jeder Artfehlen. Die Briefrolle ist ein Denkmal anmutigen Verkehrs aus dem Leben, geschrieben von einem gewandten Schreiber, ohne Anspruch auf besondereSchreibkunst. Sie ist aber gerade darum bezeichnend für eine Schreibübung, die mehr und mehr aus der gotischen Buchschrift zu kursiven Formenübergeht; vgl. Tafel LIIL

Wenn auch noch die kursive Schrägrichtung der Buchstaben völlig fehlt, ja sogar gelegentlich die steile aufrechte Stellung eine leichte Neigungnach rückwärts bekundet (B, Z. 1315), so ist dafür ein anderes Hauptmerkmal der Kursive, die Schleifenbildung der Oberlängen, vollkommen aus-gebildet; wir finden sie in b, d, h, 1, f und öfters sogar bei f (A, Z. 23), wo sie sich aus der umgebogenen oberen Fahne oder Haube ergibt. In denUnterlängen, die ebenfalls sehr entschieden ausgeprägt sind, fehlt die Schleifenbildung; sie laufen bei p (A, Z. 1), f, f (A, Z. 4) ganz spitz zu und sindbei h (A, Z. 3) und z (A, Z. 7) leicht nach rechts abgebogen. Die einzige Schleifen-Unterlänge, in g (A, Z. 2), ist fast ganz in die Zeile gesetzt und kaumvom Schluß-s zu unterscheiden, das übrigens nur vereinzelt (A, Z. 26) gebraucht und meist durch z ersetzt ist. Das a ist, wie im XIV. Jahrhundertüblich, doppelbogig (A, Z. 3), manchmal unten nicht geschlossen (B, Z. 14); wie auf Tafel LI und LIII ist es auch erheblich größer als die anderenMinuskeln ohne Ober- und Unterlänge. Im übrigen verursacht die Flüchtigkeit des Schreibers vielfach eine weitgehende Verwischung der klaren Formen:das t, das eigentlich durch einen langen Querstrich ausgezeichnet ist (A, Z. 10), schrumpft in der Zeile oder im Wortinnern oft ganz zusammen (A,Z. 34) und ist in der Verbindung mit z (A, Z. 23) kaum vom c zu unterscheiden; das r hat seine Fahne (A, Z. 14) fast immer nur noch als kleinenHaken (A, Z. 7) oder bloßen, langgezogenen Strich (A, Z. 6) behalten und fällt im Wortinnern gelegentlich ganz auseinander (A, Z. 17); vom e bleibt oftnur ein c - förmiger halber (A, Z. 34) oder ganzer Rundbogen (A, Z. 17) übrig, der auch als o gelesen werden könnte usw. Besonders treten solcheFormverwischungen ein bei den Buchstabenverbindungen, die der Schreiber in weitgehendem Maße anstrebt. Zwar zu einer wirklichen Durchführungder Meyerschen Regeln ist er nicht gelangt: nur bei dem ganz rundbogigen d ist die Zusammenschreibung mit folgendem e (A, Z. 2), a (A, Z. 7) undo (A, Z. 12) ohne Ausnahme erreicht; dagegen stehen bei h (A, Z. 3 gegen 21; A, Z. 5 gegen 16), v (A, Z. 12 gegen I; A, Z. 29 gegen 7), w (A,Z. 26 gegen 9; B, Z. 15), b (A, Z. 17 gegen 11) geschlossene und getrennte Schreibungen neben einander und neben bloßen Berührungen. Immerhinist das Bestreben des Schreibers, die Buchstaben trotz der bei i, n, m, t fehlenden Möglichkeiten (vgl. Tafel LIII) enge zu verbinden, unverkennbar,und er dehnt es auch auf Buchstaben aus, denen der untere Bogen fehlt. Vor allem in das 1, das bei ihm eine große Schleife hat, schreibt erdie verschiedensten, auch ganz geraden, Buchstaben hinein: le (A, Z. 36), la (B, Z. 8), lde (B, Z. 13), lt (B, Z. 22), lo (B, Z. 23), 11 (B, Z. 28). Danebenfindet sich auch nd (A, Z. 32), eb (A, Z. 35) u. a. in einander geschrieben, ganz abgesehen von den naturgemäßen Verbindungen des a mit dem folgendenBuchstaben durch seinen Querstrich in der Mitte (A, Z. 31) oder des i, n, m mit dem vorhergehenden durch den kleinen oberen Aufstrich. So trittauch neben die gewohnten Zusammenschreibungen tz (A, Z. 23), cz (A, Z. 24) und ch (A, Z. 3) und die alten Ligaturen ae (A, Z. 2) und ft (A, Z. 5)noch tr (A, Z. 31) in einer Form, die von beiden Buchstaben nur einen Teil behält. Das rundet wird hinter o regelmäßig (A, Z. 13), sonst aber garnicht gesetzt. Auch von Kürzungen wird nur für er in der Regel (A, Z. 1) Gebrauch gemacht, von den anderen für n und vnd nur ausnahmsweise(A, Z. 16; B, Z 32); die Form des Hakens für er nähert sich übrigens oft einer kursiven Schlinge und ist vielfach unmittelbar aus dem vorhergehendenBuchstaben nach links übergeworfen (B, Z. 33), ähnlich Tafel LIII. Auch die Überschreibungen werden nicht gleichmäßig und durchgehend verwendet.Den Diphthong ue (uo) schreibt der Schreiber in der Regel aus (A,Z. 25 gegen A,Z. 34), dagegen u (A, Z. 16) für üe und v(A, Z. 24) oder u (B,Z.10) für ü.Der Wechsel von u und v ist nicht streng geregelt; meist aber steht im Wortanlaut v, im Wortinnern u (A, Z. 11, 1; dagegen A, Z. 9, 24, 32). Im Diphthongeu und au in fraw und fräwden ist immer w geschrieben und zwar hat dieses vokalische w fast immer einen i- Punkt vorne (also fast iv A, Z. 13) oder einübergeschriebenes e (B, Z. 3). Auch beim i setzt der Schreiber den Punkt regelmäßig, wenn ihm nicht ein nebenstehender Buchstabe den Raum wegnimmt(A, Z. 6); nur A, Z. 24 und B, Z. 25 findet sich ein i-Strich. Satzzeichen dagegen sind überhaupt nicht verwendet.

Am Versanfang hat der Briefschreiber gerne Majuskeln gesetzt, die sich in der Form großenteils nur wenig von den Minuskeln unterscheiden;man kann öfters im Zweifel sein, ob ein Buchstabe als großer oder kleiner anzusprechen ist (A, Z. 2). Am ausgeprägtesten sind das S, das sich ausrundem s entwickelt hat (A, Z. 10), G (fl, Z. 13), E (B, Z. 2) und namentlich N (A, Z. 15), das gegenüber der Minuskel seine Form so verändert hat,daß es der Ligatur ft (A,Z. 31) ähnelt.