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TAFEL XLVn.
OBERALTÄICHER PREDIGTEN.
Cod. gcrm. 74 enthält eine Sammlung von deutschen Predigten über die Evangelien durch das ganze Jahr, die um die Wende desXIII. zum XIY. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. Ursprünglich umfaßte die Handschrift, die aus dem Kloster Oberaltaich in die Staats-bibliothek gelangt ist, 66 Predigten auf 22 Quaternionen; da aber der 21. Quaternio verloren gegangen ist, liegen nur mehr 64 Predigtenvor. Der Verfasser ist unbekannt; doch reichen seine Vorlagen nachweisbar bis ins XII. Jahrhundert zurück.
Benützt wurde die Handschrift zuerst von Karl Roth, der daraus 6 Ergänzungen zu Regensburger Predigt-Bruchstücken ent-nahm. Vollständig wurde sie abgedruckt von Anton E. Schönbach, der sie auch am genauesten beschrieben hat.
Vgl. Karl Roth, Deutsche Predigten des XII. u. XIII. Jahrhunderts (= Bibliothek der gesamten deutschen Nationalliteratur XI. Bd.,1. Teil) 1839, S. 9—10. — R.Cruel, Geschichte der Deutschen Predigt im Mittelalter 1879, S. 191 — 194. — flnton Linsenmayer, Geschichteder Predigt in Deutschland 1886, S. 291-297. — Änton E. Schönbach, Altdeutsche Predigten. II. Bd. 1888. — Edward Schröder im An-zeiger für Deutsches Altertum Bd. XV 1889, S. 202-207.
Die Handschrift ist am Ende des XIII. oder vielleicht am Anfang des XIV. Jahrhunderts von einem Schreiber angefertigt worden, der in demvorderen Teil, aus dem unsere Tafel (S. 1 u. 2 nach der Zählung einer Hand des XVIII. Jahrhunderts) entnommen ist, sehr sorgfältig und gleich-mäßig, später aber immer flüchtiger schrieb. Vielleicht hat auch derselbe Schreiber die roten Initialen und lateinischen Überschriften eingesetzt unddie Kapitalbuchstaben, die im Texte meist ganz sinngemäß beim Beginn eines neuen Satzes oder Satzteiles angewendet sind, mit roten Zierstrichenversehen; wenigstens unterscheiden sich die Buchstaben des Miniators nicht wesentlich von denen des Schreibers. Dagegen sind die deutschen Über-schriften sichtlich erst später, von einer Hand des späteren XIV. Jahrhunderts, eingefügt worden; dafür spricht der zierlichere Charakter dieser Schrift,(A, Z. 1), deren verschlungenes g und zierlich zurückgebogenes h sich ganz wesentlich von denen des älteren Schreibers unterscheidet, wenn auchdie übergeschriebene Zeile sich der alten Schrift anpaßt. Diese macht mit ihren breiten, gedrungenen Formen einen etwas schwerfälligen, doch nichtunschönen und vor allem einen sehr gleichmäßigen Eindruck; denn die scheinbare Unsicherheit und Unregelmäßigkeit der Grundstriche an einigenStellen (A, Z. 27 — 28; B, Z. 7 —15) ist auf Rechnung des welligen, faltigen Pergaments zu setzen, das in der Wiedergabe diese kleinen Verzerrungenhervorruft. Die Schrift selbst ist sehr sicher und fest, die breiten Grundstriche stehen sehr gerade auf der Zeile, und der Eindruck des Festen, Geschlos-senen wird dadurch erhöht, daß weniger die leichten Haarstriche als vielmehr breite Querstriche (in t, f, g, k, r, z) als Träger der Buchstabenverbindungerscheinen. Dazu kommen die Verbindungen von be (A, Z. 2), de (A, Z. 3), do (R, Z. 17), vo (R, Z. 7), wo (A, Z. 22) nach der Wilhelm MeyerschenRegel, die ebenfalls die Geschlossenheit des Schriftbildes erhöhen. Im übrigen aber ist die Meyersche Regel durchaus noch nicht völlig durchgedrungen;be und de kommen auch getrennt vor (A, Z. 28; B, Z. 15), und ho (A, Z. 4), he (A, Z. 5), ha (B, Z. 17), da (A, Z. 7), va (A, Z. 13), ve (A, Z. 12)und we (A, Z. 10) sind noch gar nicht verbunden. Überhaupt hat sich die Schrift von mancher älteren Übung noch nicht frei gemacht; neben demvorherrschenden runden s am Wortende kommt vereinzelt noch einmal ein langes f vor (A, Z. 4); das a hat zwar im wesentlichen schon die doppelbogigeForm des XIV. Jahrhunderts, doch ist sein oberer Bogen häufig noch mehr oder weniger offen (A, Z. 7); das gebogene * aber fehlt vollständig, und selbsthinter o steht regelmäßig das gerade r (A, Z. 7). Die Doppelfahne des k, das nur in Verbindung mit ch vorkommt, ist meist, doch nicht immer, biszur Mitte des Stammes emporgerückt (B, Z. 15).
Zu den breiten Querstrichen, die für den ganzen Schriftcharakter sehr bezeichnend sind, treten aber noch zahlreiche Haarstriche, die gelegentlichebenfalls der Buchstabenverbindung dienen, in der Hauptsache aber wohl bestimmt sind, der Schrift etwas mehr Leichtigkeit und Zierlichkeit zu ver-leihen. Das gilt namentlich beim r, das mit einer Doppelfahne ausgerüstet ist, deren unterer, breiterer Teil gerne der Buchstabenverbindung dient, währendder obere, feinere nur als Verzierung erscheint (A, Z. 3) und höchstens mit der Oberlänge des 1 verbindet (A, Z. 10). Ebenso erscheint der doppelte,aufwärts gerichtete Haarstrich beim z, der übrigens öfters auch fehlt oder nur einfach auftritt (A, Z. 6), und der einfache beim runden s (A, Z. 3)durchaus nicht als organisch notwendiger Bestandteil des Buchstabens. Anders ist es bei der alten Zunge des e, die schräg aufwärts gerichtet oft inden folgenden Buchstaben übergeht. Am Wortende wird sie gerne über Gebühr herausgezogen (A, Z. 18), wenn es gilt, die Zeile gut auszufüllen, wiedenn in dieser Stellung am Zeilenabschluß auch der Schlußstrich des n (B, Z. 12) oder m (B, Z. 15) leicht eine verstärkte Betonung erhält; selbstder i-Strich, der nicht oft fehlt (A, Z. 2), wird gelegentlich zu diesem Zwecke unverhältnismäßig verlängert (A, Z. 22). Im Ganzen aber sind die Haar-striche am Wortende nicht viel weiter geführt als im Wortinnern; nur beim t reichen sie oft, manchmal auch beim r bis in den oberen Querstrich hinaufund schließen so den Buchstaben vollständig in sich ab (A, Z. 6, 10), wie denn überhaupt diese beiden sich bisweilen in hohem Grade ähneln.
Sehr verschiedenartig ist der Abschluß der Oberlängen von b, h, k und 1. Bald sind sie oben schräg abgeschnitten durch einen feinen Auf-strich (A, Z. 4), der manchmal auch nach beiden Seiten überragt (B, Z. 28); bald laufen sie in einen Haarstrich aus (A, Z. 9) oder schließen breitund stumpf ohne jede Verzierung ab (A, Z. 18). Auch das stets abgebogene d ist meist breit und fest hingesetzt, selten mit einem Ansatz zu einergefälligen Umbiegung (A, Z. 21). Ebenso hat das h eine einfache gedrungene Form; der Schlußstrich reicht etwas unter die Zeile und hat nur gelegentlicheine leichte Umbiegung nach innen (A, Z. 4), nie aber nach außen wie das eine h in der Überschrift (A, Z. 1). f und I stehen auf der Zeile meist miteinem leichten Aufstrich am Ende. Das g ist vollkommen geschlossen und ähnelt mit seinen zwei fast gleichen Rundungen und der breiten Fahne einer8. Das c nähert sich bisweilen, wenn der Grundstrich etwas steil gestellt ist, dem t (A, Z. 5); denn auch bei diesem durchschneidet der breiteQuerbalken den Grundstrich nur wenig (A, Z. 6) oder gar nicht (A, Z. 7), sondern ist in der Hauptsache noch rechts angesetzt. Als feste Verbindungenerscheinen ae (A, Z. 12), ft, ch und tz. Bei Verdopplung von f (A, Z. 8), t (A, Z. 25), f (A, Z. 23) wird der zweite Buchstabe größer geschriebenals der erste; Doppel-1 wird durch einen dünnen gebogenen Querstrich oben noch besonders verbunden (A, Z. 6).
Der Umlaut wird durch übergeschriebenes e über o (A, Z. 11) und v (A, Z. 9) ausgedrückt. Roth war der Meinung (a. a. O. S. 9), daßdie Umlauts-e meistens erst nachträglich eingesetzt worden seien, wie er denn überhaupt „viele Nachbesserungen einer späteren Hand" annimmt. SchonSchönbach aber hat demgegenüber festgestellt: „nur bei wenigen läßt sich dies mit Sicherheit sagen" (a. a. O. S. VII). Die Form des übergeschriebenene mit seiner langen Zunge entspricht ausgesprochen dem e in der Zeile, und daß es bisweilen etwas brauner erscheint als die schwarzen Buchstaben dar-unter, beweist auch nichts gegen die Identität der Tinte, die durchweg einen braunen Grundton hat, der bei feineren Strichen immer, in den späterenTeilen der Handschrift gelegentlich seitenlang zur Geltung kommt. Recht hat Roth aber mit seiner Behauptung vermutlich für die Bindestriche bei ab-geteilten Wörtern. Diese sind sämtlich so auffallend außerhalb des sonst ziemlich streng abgegrenzten Schriftspiegels gesetzt, daß sie der architekto-nischen Absicht des Schreibers geradezu widersprechen. Wie sehr der Schreiber bemüht war, keine zackigen Lücken am Zeilenende zu lassen, beweisendie schon oben erwähnten, die Zeilen ausfüllenden Zierstriche. Ebenso vermeidet er sichtlich mit Absicht, den Rahmen des abgegrenzten Satzspiegelszu überschreiten, und verzichtet zu diesem Zwecke lieber einmal auf die sonst gut durchgeführte Worttrennung (A, Z. 26 vierteil statt vier teil).Hätten Bindestriche zu seinen Schreibregeln gehört, so hätte er sie sicher in den vorgezeichneten Rahmen einbezogen und nicht außerhalb gesetzt;sie sind also als Verbesserungen von späterer Hand anzusehen, vielleicht von derselben, die auch die deutsche Überschrift hinzugefügt hat.
Neben übergeschriebenem e ist auch übergeschriebenes o vertreten, und zwar über v wie über u (A, Z. 4; B, Z. 2); v und u wechseln ohnefeste Regel, nur kommt u im Anlaut nicht als Vokal, sondern nur als Konsonant vor (A, Z. 12). Die angewendeten Kürzungen sind nicht zahlreich: für n(A, Z. 10), für vnrf (A, Z. 3) und für er (A, Z. 21). Die Interpunktion ist sinngemäß und reichlich, verwendet aber nur den Punkt. Zu tilgende Wortesind durchgestrichen, und zwar schwarz (A, Z. 18) oder schwarz und rot (A, Z. 14). Von der Linierung sind nur gelegentlich Spuren zu finden; dieZirkellöcher am Blattrande sind aber deutlich ausgeprägt. Das Pergament ist gut bearbeitet, aber ziemlich rauh; Flecken haben den Farbton etwasungleich gemacht.
Der vorliegende Text ist abgedruckt bei Schönbach a. a. O. Bd. II, S. 3—4.