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TAFEL LV.
JÄCOBUS DE VORÄGINE,
LEGENDI SÄNCTORUM ÄUREÄ, ELSÄSSISCH.
Cod. germ. 6 enthält als Hauptbestandteil auf Blatt 1«—210va eine Verdeutschung des großen Legendenbuches des Jacobus deYoragine in elsässischer Mundart. Der Übersetzer dieses wertvollen Sprachdenkmals ist nicht bekannt; er hat wohl in der ersten Hälftedes XIV. Jahrhunderts an seinem Werke gearbeitet. Äußer den Legenden bringt der Codex auf Blatt 211«— 251« deutsche Predigten,gleichfalls in elsässischer Mundart; beide^Teile sind von derselben Hand geschrieben. Die Handschrift stammt, wie aus einer Bemerkung:Follebtoht wart dis buch Änno do/ra/ni . M. CCC. Ix n vig/V/a Mathie . Rpo/loli . auf Blatt 210va hervorgeht, aus dem Jahr 1362. Vonbesonderer Bedeutung ist die Handschrift durch ihre kunst- und kulturgeschichtlich gleich bedeutsamen Bilder.
Die Handschrift wurde im Jahre 1822 von einem Buchbinder in Weißenhorn für die Bayerische Staatsbibliothek erworben. FrühereBesitzer sind nicht bekannt. Zuerst hat Karl Roth den Codex erwähnt und Birlinger ihn zum großen Teil veröffentlicht.
Vgl. Deutsche Predigten des XII. und XIII. Jahrhunderts, aus gleichzeitigen Handschriften zum ersten Male herausgegeben und erläutertvon Karl Roth (= Bibliothek der gesamten deutschen National-Literatur von der ältesten bis auf die neuere Zeit. XI. Band, 1. Theil). 1839,S. 8. — Änton Birlinger, Von Sant Martin. 1862, S. 18 ff.; derselbe in der Alemannia I 1873, S.60 ff., 186 ff., 225 ff., II 1875, S. 1 ff., 101 ff.,197 ff., XIII 1885, S. 65 ff., XIV 1886, S. 113 ff. - Die Chroniken der oberrheinischen Städte. I (=Die Chroniken der deutschen Städtevom 14. bis ins 16. Jahrhundert. VIII) 1870, Closeners Chronik von Straßburg, S. 20, Anmerkung 9, und S. J76 f. — R. Cruel, Geschichteder deutschen Predigt im Mittelalter. 1879, S. 445 ff. — Änton Linsenmayer, Geschichte der Predigt in Deutschland. 1886, S. 470 ff. —Friedrich Wilhelm, St. Äfra. Eine schwäbische Reimlegende, in Änalecta Germanica, Hermann Paul zum 7. August 1906 dargebracht.1906, S. 159 ff.; derselbe, Deutsche Legenden und Legendare. 1907, S. 135 ff.
Zu den Bildern: Franz Kugler, Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte. I 1853, S.89. — Alwin Schultz, Deutsches Lebenim XIV. und XV. Jahrhundert. 1892, S. 369 und 558, sowie Tafeln VI, VII und VIII. - Berthold Riehl, Studien zur Geschichte der bayer-ischen Malerei des XV. Jahrhunderts, im Oberbayerischen Archiv für vaterländische Geschichte. XLIX 1895 — 1896, S. 33 f. — FranzJacobi, Studien zur Geschichte der bayerischen Miniatur des XIV. Jahrhunderts (= Studien zur deutschen Kunstgeschichte. CII). 1908,S. 31 ff.— Hermann Brandt, Die Anfänge der deutschen Landschaftsmalerei (= Studien zur deutschen Kunstgeschichte. CLIV). 1912,S.33 f., 54, 116, 131.
Kräftige, vollentwickelte gotische Buchschrift aus der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts, die in gleichmäßigem Fluß die beiden Spalten derstattlichen Seite füllt; im Einzelnen ist ein gewisses Schwanken in der Bildung der Formen nicht zu übersehen. Die Eigenheiten des Gotischen sind voll-kommen ausgeprägt. Die Brechung ist überall zu beobachten. Von den Wilhelm Meyerschen Regeln ist die über die Buchstabenverbindungen nur bei da,de und do, aber hier ohne Ausnahme angewendet, die über das gekrümmte t nach p und o durchaus eingehalten. Nach w begegnet t nur einmal (B, Z. 20),dagegen findet sich dreimal wr (Ä, Z. 22, 25; B, Z. 10). Zierstriche verwendet der Schreiber nicht viel; er setzt sie gelegentlich bei f (A, Z. 18),g (A, Z. 34), n (B, Z. 30), r (B, Z. 33), t (A, Z. 4), wenn sie am Wortende stehen, bei z auch sonst (A, Z. 9), doch verfährt er dabei ohne festeRegelmäßigkeit. Gleichmäßiger übt er den Gebrauch, die Oberlängen von b, h (Ä, Z. 1), k (A, Z. 7), 1 (A, Z. 3) mit einer Gabelung zu versehen, dieim einzelnen freilich wechselnder Ausführung unterliegt; des öftern ist es nur ein flüchtig zugesetzter Haarstrich (A, Z. 12). Ganz glatte Schäfte sindselten (A, Z. 11).
Eigentümlich ist, daß bei dem Schreiber eine entschiedene Neigung zu kursiveähnlichen Verbindungen besteht, die eigentlich dem Charakterder Buchschrift widersprechen. Zunächst benützt er Zunge und Fahne und die Umbiegung des Grundstrichs von e, r und t, um doppelte Verbindungenherzustellen (A,Z. 3,11,12); vgl. Tafel LI. Dann bindet er, auch noch ganz organisch, i nicht nur mit dem folgenden, sondern zugleich auch mit dem vorher-gehenden Buchstaben (Ä, Z. 9, 19,43). Auffallender ist, daß er auch den verlängerten mittleren Querstrich des a dazu verwendet (A, Z. 4, 11). Ganzeigenwillig endlich sind die Verbindungen in Fällen wie bot (H, Z. 12), Decium (A,Z. 10), paternus (A, Z. 27), felben (A, Z. 26), das fü (B, Z. 11), von(A, Z. 7), wart (A, Z. 4). In diesen Beispielen ist die Verbindung unorganisch. Ähnliches ist bei Tafel XLI und LH zu beobachten.
Das a ist doppelbogig, doch in der seine Entstehung noch zeigenden reinen Form selten (B, Z. 16). Meist besteht es aus einem kürzerenund einem längeren gleichlaufenden Grundstrich, die oben, in der Mitte und unten nur durch feine, nicht selten ausbleibende Haarstriche verbundensind (Ä, Z. 4). Die Rundung des b — vielfach kann man von einer solchen kaum noch sprechen — ist oben meist nicht ganz geschlossen (Ä, Z. 3). Dasc ist im Wortinnern vom t oft nicht zu unterscheiden; vgl. noch (A, Z. 11) und enthöbeten (A, Z. 14). Das d ist meist, wenn mit einem folgendenVokal verbunden, nach unten zu schmaler (R, Z. 1), wenn für sich stehend, breiter (A, Z. 7, 12) ausgeführt; die Rundung bleibt nicht selten offen (A,Z. 19). Dasselbe ist auch beim e der Fall (A, Z. 3). Der Schaft des f ist in seiner oberen Hälfte gerne etwas verdickt, der Haken kräftig (A, Z. 9).Die untere Schleife des g ist zu einem mit der einen Spitze nach unten gekehrten Dreieck geworden, bei dem die der oberen Rundung anliegende Seitedurch einen Haarstrich von wechselnder Länge gebildet wird (R, Z. 5). Das h geht mit dem zweiten Zuge breit unter die Zeile. Die Setzung von i-Strichen ist schwankend; sie überwiegt da, wo i mit m, n, u zusammensteht. Der doppelte Haken des k ist bei wechselnder Ausgestaltung im einzelnen,nur wenig hinaufgerückt (R, Z. 6 gegen B, Z. 9). Der zweite Zug des p ist als ein meist nach oben offener Haken in den Schaft so hineingesteckt, daßer vielfach mehr oder weniger weit auf der Gegenseite sichtbar wird (R, Z. 29 gegen 31). Die übliche Regel über den Gebrauch von I und s wirddurch einige Fälle verletzt, in denen I auch am Wortschluß erscheint (ul R, Z. 9,15,20; waf B, Z. 4). Der obere Teil des Schaftes ist, wie bei f, meist verdickt,der Haken kräftig. Die alte Verbindung ft ist beibehalten. Der schon öfter beobachtete Gebrauch (vgl. Tafel L, R), beim Zusammentreffen von zwei t,das zweite etwas zu erhöhen, findet sich auch hier (H, Z. 16), aber nicht sehr ausgeprägt. Der Schreiber bevorzugt durchaus u vor v; im Inlaut begegnetnur u, am Anfang der Wörter vor i, m, n, o immer v, vor anderen Buchstaben aber meist ebenfalls u (uf R, Z. 16 gegen vf B, Z. 12). Eigentümlichist der Gebrauch des Schreibers, den ü-Laut durch einen wohl aus i entstandenen Punkt über dem u zu bezeichnen, eine Schreibung, die in der über-wiegenden Zahl der Fälle (40:7) durchgeführt ist (für R, Z. 10 gegen für R, Z. 12). Das 3-förmige z ist am Anfang der Wörter größer und etwas freiergestaltet als in der Mitte und am Ende (A, Z. 9 gegen 11). Sein Zierstrich ist mehr oder weniger stark nach rechts gezogen.
Bei den nicht seltenen Überschreibungen — es begegnen 6 (A, Z. 8), o (R, Z. 37), ü und ü (R, Z. 9) — ist auffallend, daß der übergeschriebeneVokal manchmal sehr sorgfältig und breit (R, Z. 18 und 37), meist aber sehr dünn und flüchtig geschrieben ist (Ä, Z. 13 und 15); man würde imletzteren Falle an einen späteren Korrektor denken, zeigte nicht die Handschrift an anderen Stellen, daß sicher beides ebenso wie die Korrektur bobefte(fl, Z. 1) und die Anweisungen für den Rubrikator trotz des verschiedenen Schriftcharakters von der gleichen Hand stammt. An Kürzungszeichenkommt außer dem nur im lateinischen Namen Cyprianus (A,Z. 26) gesetzten, üblichen Zeichen für us nur der wagrechte, stark gebogene kurze Strichvor. Er steht für fehlendes m (A, Z. 32) und n (R, Z.7), sowie für abgefallenes d in vnd (A, Z. 20); als allgemeines Kürzungszeichen dient er in chriftum(R, Z. 21). Bindestriche beim Abteilen sind bald gesetzt (fl, Z. 13), bald weggelassen (fl, Z. 3). Die Trennung geschieht meist nach den Silben, dochkommen auch Abweichungen vor (gef-ptochen fl, Z. 40; fch - ultheiffen B, Z. 6). Von Satzzeichen wendet der Schreiber nur den Punkt an. Große, fastdurchweg rot gestrichelte Kapitalbuchstaben von meist eigenen Formen stehen vorwiegend bei Eigennamen — aber nicht durchaus (fl, Z. 2) — und beiPersonenbezeichnungen, wie Abgötter (fl, Z. 13) oder Richter (B, Z. 14), gelegentlich aber auch sonst (B, Z. 13), und bei stärkeren Sinneseinschnitten,wo sich hie und da auch rote Paragraph-Zeichen finden (fl, Z. 6, 8, 26; B, Z. 23, 50). Reicher ausgestaltete Initialen finden sich zu Beginn größererAbschnitte (A, Z. 1: N, blau mit roter Verzierung; A, Z. 40 und B, Z. 5: E, rot mit lila Verzierung). Die Überschriften (A, Z. 1/2, 38/39; B, Z. 4/5) sindin Rot geschrieben, die Zeilen, über denen in kleinem Abstand die Schrift steht, mit Tinte und Feder gezogen.
Das Bild stellt das Martyrium der Heiligen dar, das die Legende auf dem folgenden Blatt 160« m it den kurzen Worten erzählt: dovon gingfinre diener einre zu der megede vnd ftach ein fwert durch ire fite. Die Hauptfarben sind blau, grün, rot.