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4 (1924) Deutsche Schrifttafeln aus Pergamenthandschriften des XIII. und XIV. Jahrhunderts
Entstehung
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TAFEL LI.

KONRflD VON MEGENBERG, BUCH DER NATUR.

Cod. germ. 38 enthält die älteste deutsche Naturgeschichte, das Buch der Natur, das der Regensburger Kanonikus Konrad vonMegenberg in den Jahren 1349 1350 nach dem lateinischen Werke des Thomas von Cantimpre' verfaßt hat. Unter den zahlreichen erhaltenenHandschriften des Werkes ist die vorliegende die älteste und beste. Sie ist in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts von einem SchreiberNamens Heinrich geschrieben worden und frühzeitig in den Besitz der oberpfälzischen adeligen Familie der Preckendorffer zu Preckendorff,Hof und Krebling gelangt. Leere Seiten der Handschrift wurden im XVI. Jahrhundert dazu benützt, allerhand genealogische Mitteilungenüber diese Familie einzutragen; auch wurde das Porlrät des Stephan Preckendorffer mit der Jahreszahl 1389 (ein knieender Ritter ineiner Rüstung aus der Zeit um 1500) auf das vorderste Blatt gemalt und das Familienwappen mehrfach in Farben und mit Stempel inden Band eingefügt. Heute ist die Familie ausgestorben.

Franz Pfeiffer hat die Handschrift seiner Ausgabe des Buches der Natur zugrunde gelegt.

Vgl. Franz Pfeiffer, Das Buch der Natur von Konrad von Megenberg. 1861. Ludwig Rockinger, Aufzeichnungen über die ober-pfälzische Familie von Präckendorf, in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie, philos.-philol. Klasse, 1868,1,S. 153, 158167, 192.

So stattlich der erste Gesamteindruck der Handschrift mit ihrer gefälligen Raumeinteilung und ihrem maßvollen, das Schriftbild farbig belebendenBuchschmuck ist, so kann doch der Schreiber bei den vielen Schwankungen und Ungleichmäßigkeiten der Ausführung im Einzelnen kaum als einMeister seiner Kunst bezeichnet werden. Der Rahmen des zweispaltigen Schriftspiegels ist durch doppelte Linien oben und unten, aber auch senkrecht anden Außenseiten stark betont; trotzdem vernachlässigt der Schreiber den gleichmäßigen Zeilenabschluß in hohem Grade, schreibt bald über den Randhinaus, bald bleibt er davor zurück, ohne die Zeile auszufüllen, und erhält so am rechten Spaltenrand eine ganz ungleichmäßige Zickzacklinie, die denursprünglich angestrebten monumentalen Eindruck empfindlich stört. Die Linierung ist nicht tadellos regelmäßig (Ä, Z. 8 f.) und verursacht beträchtlicheZeilenunterschiede (Ä, Z. 9 gegen D, Z. 27); aber auch abgesehen davon wechselt die Größe der Buchstaben stark, und die Schrift steht bald zwischen(Ä, Z. 2), bald auf den Zeilen (B, Z. 27). Auffallend häufig ist die Zusammenschreibung der Worte vernachlässigt (Ä, Z. 6), und wenn auch am Zeilen-ende beim Äbteilen in der Regel mit richtiger Silbentrennung ein doppelter Bindestrich gesetzt ist (Ä, Z. 34), so fehlen diese Bindestriche doch auchoft (Ä, Z. 30) oder der Schreiber vermeidet das Abteilen dadurch, daß er in den Rand hineinschreibt (Ä, Z. 28); einmal (C, Z. 27/28) wiederholt er auchdie Bindestriche vom Ende der Zeile am Anfang der folgenden.

Die Form der Buchstaben, die im Einzelnen viel Verschiedenheiten aufweisen, wird einheitlich bestimmt durch die meist scharf und eckig durch-geführte Brechung. Zu diesem Grundcharakter eignet sich auch die Technik des Schreibers gut, der seine Buchstaben nicht in einem Zuge zu schreiben,sondern aus mehreren selbständigen Strichen zusammenzusetzen pflegt. Das sieht man häufig an vorspringenden kleinen Spitzen beim d (fl, Z. 1),b (Ä, Z. 9), o (A, Z. 10), g (fl, Z. 31), v (B, Z. 16) usf., wo beim Zusammenstoßen der verschiedenen Striche der Zusammenschluß über die Rundunghinaus überschritten ist. Ebenso ist beim f (fl, Z. 1; D, Z. 13) und beim f (fl, Z. 32) die starke Fahne nach rechts sichtlich oft mit einem ausgeprägtenAufstrich von links her selbständig angesetzt, fluch bei den Oberlängen der b, h, k, 1 kann man gelegentlich beobachten, daß oben ein selbständigerStrich voran gestellt ist (fl, Z. 28, 33; C, Z. 2). Im übrigen zeigen gerade die Oberlängen, ganz abgesehen von dem starken Wechsel der Höhe (1 fl, Z. 2gegen B, Z. 9; b fl, Z. 25 gegen 26; h B, Z. 10 gegen fl, Z. 1; k fl, Z. 15 gegen 16), eine große Mannigfaltigkeit der Formen, abwechselnd ganz glatt (fl, Z. 11)oder mit Aufstrich (fl, Z. 30), mit Spaltung oben (fl, Z. 8) oder mit Verdickung (fl, Z. 19) oder mit einer ausgebildeten Fahne links (C, Z. 38). AlsOberlängen betont sind auch meistens die f und f (fl, Z. 1 und 29), woneben freilich auch Fälle ohne jede Höhenentwicklung vorkommen (fl, Z. 22und 32). fluch a, g und s erhebt sich oft über die nebenstehenden Buchstaben (fl, Z, 14,8,7). Die Unterlängen des h, y und z sind nach links ab-gebogen und ausgiebig in die Länge gezogen (fl, Z. 5, 7; B, Z. 21); auch die des p ist kräftig ausgeprägt, aber am Ende nach rechts aufwärts umgebogenoder wenigstens mit einem dünnen Aufstrich versehen (A, Z. 6, 4). Das p ist oben (A, Z. 5 gegen 6), das g unten manchmal offen (A, Z. 12 gegen 3).Dabei ist die untere Schleife des g meist in die Breite (A, Z. 3), seltener in die Länge (A, Z. 19) gezogen und wirkt daher nicht immer als wirklicheUnterlänge (A, Z. 31); sie ist meist etwas kantig (A, Z. 8), selten eigentlich rund (D, Z. 5). Die gerade Fahne nach rechts ist oben etwas unterhalb derSpitze des Buchstaben angesetzt und dient wie der Querbalken des t oder f zur Verbindung mit dem folgenden Buchstaben (A, Z. 3, 4). Das a istimmer doppelbogig mit einem spitzen Dach und einem festen geraden Stamm rechts, der aber vielfach von dem dünnen Querstrich in der Mitte zurVerbindung mit dem folgenden Buchstaben durchschnitten zu sein scheint (A, Z. 2). Das d, immer eckig abgebogen, entwickelt seinen Schaft oft sehrdürftig (A, Z. 2 gegen 4). Die Schlinge des k ist bis zur oberen Spitze hinaufgerückt (A, Z. 16). Die Form des s wirkt ähnlich dem g, aber ziemlichunbeholfen (A, Z. 19). Bei allen Buchstaben, wo dies möglich ist, also ebenso wie bei p auch bei e, r, i, t, i, u, n, m, k, 1, auch f und f, wird derAbschluß gern durch einen leichten Aufstrich bezeichnet, der beim n und m meist auch in das Innere des Buchstabens eingedrungen ist; nur ziemlichselten schließt n und m mit einem glatten Grundstrich ab (A, Z. 5, 18). Wenn auch diese unteren Aufstriche nicht so sehr der Buchstabenverbindungdienen wie die kleinen oberen am Buchstabenanfang, so ergibt sich doch aus ihrer Unregelmäßigkeit beim Zusammentreffen von i, n, m, u einige Un-deutlichkeit (B, Z. 26; A, Z. 36, 38). Verwechselung von Buchstaben in Folge von weitgehender Ähnlichkeit ist gelegentlich bei u und v möglich (C,Z. 5), vor allem aber bei t und c, besonders in der Verbindung mit f (A, Z. 2; C, Z. 10), da das c seine Fahne, wie das f (vgl. oben), mit einem Aufstrichvon links her angesetzt hat, wodurch manchmal (Ä, Z. 36) der Anschein eines Querbalkens entsteht, während umgekehrt das t sich manchmal mitdem bloßen Ansetzen des Querstriches, statt des Durchschneidens, begnügt (A, Z. 22).

Zierstriche verwendet der Schreiber zweierlei: einmal die dünnen senkrechten Abschlußstriche, die er nicht immer (Ä, Z. 1), aber oft am Wortendedurch den Querbalken des t (A, Z. 3) und gelegentlich auch durch die Fahne des g (B, Z. 13) abwärts zieht, wenn er sich nicht mit einem scharfenÄbschlußhaken begnügt (Ä, Z. 19, 23); sodann aber auch eine verschiedenartig ausgeführte, aufwärts gerichtete Zierschlinge, die er gerne, aber durchausnicht regelmäßig dem r (Ä, Z. 9), s (Ä, Z. 7) und z (A, Z. 7) oben anfügt. Im ganzen läßt er die Gelegenheit zu diesen unruhigen Verzierungen öfterunbenutzt und befolgt keine feste Regel. Eine solche fehlt auch bei seiner Verwendung des i, für die er eine entschiedene Neigung verrät. Wir finden^ nicht nur hinter den bogenförmigen Buchstaben wie o (A, Z. 33), B (Ä, Z. 13) und p (Ä, Z. 2), wobei übrigens p keineswegs ausgesprochen rund wirkt,sondern auch hinter a (B, Z. 14) und e (B, Z. 2) neben pr (D, Z. 8), ar (A, Z. 21) und er (A, Z. 1). Ebenso wenig ist eine Regel erkennbar für denWechsel von k und ch (A, Z. 15, 16; D, Z. 29, 34). Dagegen scheint dem Wechsel von v und u ein Grundsatz Richtung zu geben, wenn er auchdurchaus nicht streng durchgeführt ist: als Vokal steht am Wortanfang immer v (Ä, Z. 1), im Wortinnern meist u (A, Z. 1; s. dagegen aber Ä, Z. 27; B,Z. 23), ohne Rücksicht auf Überschreibungen; nur im Diphthong ev wird v oder w vorgezogen (A, Z. 30, 10, aber auch eu A, Z. 29); als Konsonantwird v, auch für f gelegentlich (B,Z. 10), geschrieben (A,Z. 1). Auch die Anwendung des i-Striches (A, Z. 1) oder-Punktes (A, Z. 4) scheint mit Bewußtseingeregelt zu sein: er ist in den meisten Fällen gesetzt, wenn nicht durch Überragen eines Nachbarbuchstaben (A, Z. 6) oder Herunterragen einer Unterlängeaus der oberen Zeile (g in A, Z. 36, 37) der Platz allzu sehr beengt ist. Dagegen fehlt für die Verwendung des y neben i (B, Z. 23 und D, Z. 4 gegenC, Z. 7) ein erkennbarer Grund; meist steht allerdings y nur in fremdsprachigen Wörtern (A, Z. 19, 33; B, Z. 2, 21); es trägt wie das i einen Punkt.

Der schwankenden Haltung des Schreibers im Zusammenhalten der Worte entspricht auch sein Verfahren bei den Zusammenschreibungennach der Wilhelm Meyerschen Regel. Nur beim d führt er sie fast ausnahmslos durch: de (A, Z. 1), do (Ä, Z. 10), da (A, Z. 2 gegen B, Z. 8); dieanderen bogig abschließenden Buchstaben, b, h, p, v, w, bleiben alle in ihrer alten Isolierung. Dagegen führt ihn seine Form des f mit der starkenFahne oben und dem ausgeprägten Aufstrich unten zu einer Ausfüllung des leeren Raumes zwischen diesen beiden durch den beginnenden Bogen desfolgenden Buchstaben, also z. B. fa (C, Z. 8), fe (C, Z. 33), fo (C, Z. 35), die eine neue, eigenartige Verbindung darstellt. Sie ist aber nicht durchwegausgebildet und tritt noch nicht mit derselben Sicherheit auf wie die alten Ligaturen ft (A, Z. 1, 2) und ae (in 2 verschiedenen Formen mit dem e obenB, Z. 12 und unten C, Z. 12). Mit Kürzungen verfährt der Schreiber sparsam, aber ungleichmäßig; C, Z. 14 ff. häuft er sie, wie es scheint, der kürzerenZeilen wegen. Er hat die üblichen Zeichen für er (Ä,Z.2), fehlendes d in vnd (A,Z.7), fehlendes n (Ä,Z. 12) oder m (B,Z.3) und das lateinische per (Ä,Z.28).