THFEL LH.
DER SCHWÄBENSPIEGEL.
Cod. germ. 52 enthält, von vier verschiedenen Händen des frühen XIV. Jahrhunderts geschrieben, den aus Landrecht und Lehen-recht sich zusammensetzenden Schwabenspiegel, eine in der zweiten Hälfte des XIII. Jahrhunderts wohl von einem Geistlichen aus demKreise Davids von Augsburg und Bertholds von Regensburg besorgte Umarbeitung des Sachsenspiegels, die in ganz Süddeutschland unddarüber hinaus als Rechtsbuch angenommen war. Der Name geht auf eine Anregung von Melchior Goldast zurück. Die rund dreieinhalb-hundert erhaltenen Handschriften des deutschen Textes, von denen die vorliegende die älteste niederdeutsche Bearbeitung zu sein scheint,sind in verschiedene Gruppen eingeteilt worden, je nachdem sie sich von der nicht erhaltenen ursprünglichen Form mehr oder wenigerweit entfernen. Unsere Niederschrift gehört zu denen, welche die vollere Textgestalt mit alter Ordnung erhalten haben, und steht der vonFriedrich Leonhard Änton Freiherrn von Laßberg herausgegebenen Donaueschinger Handschrift, der Normalfassung dieser Gruppe, sehrnahe. Äußer dem Landrecht, Blatt 5va — 80vb, in 355 und dem Lehenrecht, Blatt 81va _ lOlvb, i n 145 Absätzen enthält der Codex amSchluß, Blatt lOlvb — 102ra, noch ein paar eherechtliche Bestimmungen aus dem Lüneburger Recht.
Die Handschrift, die, wie eine ältere Signatur ergibt, aus der Mannheimer kurfürstlichen Bibliothek stammt, wurde zuerst erwähntvon Mittermaier im Jahre 1821.
Vgl. Carl Joseph Änton Mittermaier, Lehrbuch des deutschen Privatrechts. 1821, S. 66.— Carl Gustav Homeyer, Verzeichnisdeutscher Rechtsbücher des Mittelalters und ihre Handschriften. 1836, S. 47, Nr. 313; 1856, S. 127, Nr. 456, und S. 42 f. und 172. —Andreas Schmeller in den Gelehrten Anzeigen. Herausgegeben von Mitgliedern der k. bayer. Akademie der Wissenschaften. IV 1837,Sp. 249. — Georg Heinrich Pertz im Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. VII 1839, S. 126. — Der Schwaben-spiegel, herausgegeben von Friedrich Leonhard Änton Freiherrn von Laßberg. 1840, S. LVI f., Nr. 92. — Ludwig Rockinger, Berichteüber die Untersuchung von Handschriften des sogenannten Schwabenspiegels. VII (= Sitzungsberichte der philosophisch-historischenKlasse der Akademie der Wissenschaften in Wien. CVII 1884), S. 66, und XII (= ebenda CXX 1889), S. 7, Nr. 236. — Carl von Ämirain Pauls Grundriß 3 V, S. 63 ff. — Dagobert Stöckerl, Bruder David von Augsburg. Ein deutscher Mystiker aus dem Franziskanerorden(= Veröffentlichungen aus dem kirchenhistorischen Seminar München. IV. Reihe, Nr. 4). 1914, S. 247 ff.
Die zweite Hand der Schwabenspiegelhandschrift, die im frühen XIV. Jahrhundert die vorliegenden Seiten 5v und 6* geschrieben hat, läßt vor-nehmlich zwei Haupteigenschaften stark hervortreten: eine scheinbare Gleichmäßigkeit und enggedrängte Lückenlosigkeit, mit der sie die Spaltenausfüllt, und eine außerordentlich spitzige, fast stachlige Gestaltung der Buchstaben. Der Eindruck des Gleichmäßigen ergibt sich vor allem dadurch,daß Ober- und Unterlängen wenig ausgeprägt sind und daß einerseits Minuskeln ohne Oberlängen in die Höhe ragen, so a (A, Z. 4), e (A, Z. 5), s (B,Z. 1), t (B, Z. 4), andererseits die Schäfte der Oberlängen nur wenig über die kleinen Minuskeln sich erheben, so 1 (A, Z. 14), b, d (A, Z. 29), f (A,Z. 34). Im Einzelnen freilich ist bei manchen Buchstaben, wie d, e, r, z, auch ein mehr oder minder starker Wechsel der Formen zu beobachten, so daß,wie auf Tafel XXXI, A, der erste Eindruck vollkommener Gleichmäßigkeit der genaueren Prüfung nicht ganz standzuhalten vermag. Die zweite hervor-tretende Eigenschaft der Schrift kommt nicht sowohl durch die oft sehr starke Brechung der Formen zu stände als durch das spitze Zulaufen fastaller Grundstriche nach oben und sehr vieler auch nach unten; die Bögen sind durch spitze Winkel ersetzt. Dazu tragen bei die Zierstriche, die sichnicht nur wie sonst bei vielen e, auch im Wortinnern (A, Z. 6), und bei t am Wortende (Ä, Z. 6), sondern auch recht häufig als Anstriche an denSchäften von b (Ä, Z. 11), h (A, Z. 5), k (A, Z. 8), 1 (A, Z. 1) und an dem ersten Grundstrich von d (A, Z. 2) finden, fluch die Striche über dem i(fl, Z. 25) und y (fl, Z. 5) sind spitzig nach oben gerichtete Häkchen. Eigenartig ist auch das Unterdrücken von verbindenden und die Rundungenschließenden Haarstrichen bei b, d, g, h, k, p, r, eine Erscheinung, die auch bei Tafel XLIV z. T. zu beobachten war.
Die Wilhelm Meyerschen Buchstabenverbindungen finden sich nur ganz selten; das frühauftretende pp (fl, Z. 17), dann de (neben getrennterSchreibung) fl, Z. 2 und C, Z. 33, da B, Z. 17; in den letzteren drei Fällen stehen sie am Zeilenende. Eine gleiche Beobachtung läßt sich bei demGebrauch des gekrümmten t machen. Nach o steht es durchweg, aber alle Fälle, in denen es nach a und e steht (fl, Z. 11, 12, 23; B, Z. 17; C,Z. 8, 15, 16, 18; D, Z. 29), finden sich mit zwei Ausnahmen (C, Z. 21 und 22) auch am Zeilenende. In den beiden letztgenannten Fällen ist eineBeeinflussung durch das kurz vorher am Zeilenende vorkommende ettefwat (C, Z. 18) vielleicht nicht ausgeschlossen. Von alten Buchstabenverbin-dungen ist nur ft noch übrig, das durchgeführt wird.
Das a ist zweibogig; eigentümlich ist, daß der Verbindungsstrich zwischen den beiden Bogen ein kräftiger Grundstrich, die linke Hälfte desoberen Bogens dagegen ein Haarstrich ist (fl, Z. 12). Es ist etwas größer als die Minuskeln ohne Oberlänge (fl, Z. 15) und erreicht, ja übertrifft nichtselten letztere (fl, Z. 9 und 6). Das b ist oft nicht geschlossen (fl, Z. 29). Das c ist dem t sehr ähnlich (fl, Z. 29). fluch das d hat seine Rundungoft nicht geschlossen (fl, Z. 6); nicht selten ist auch der nach links gebogene Schaft sehr kurz und es kommen, zusammen mit dem feinen Anstrichrecht schwer zu erkennende Formen zustande (fl, Z. 12), besonders da die untere Rundung oft zu rechten Winkeln gebrochen ist (fl, Z. 1). Beim ewechseln runde Formen (B, Z. 4), die dem o oft sehr ähnlich sind (B, Z. 25), mit solchen, bei denen die untere Rundung ebenfalls zu einem rechtenWinkel geworden ist (fl, Z. 1). Der untere Teil des g sitzt —von Ausnahmen wie D, Z. 35 abgesehen — nicht unter dem oberen Teil, sondern etwas nachrechts geschoben unter der Zunge; sein Bogen ist nicht nach links, sondern nach rechts offen (A, Z. 4), woraus man wohl schließen darf, daß er auch nichtvon rechts nach links, sondern von links nach rechts geschrieben wird. Der zweite Zug des h geht verhältnismäßig sehr stark unter die Zeile; er istgerade und meist mit dem Schaft, nicht wie sonst an seinem oberen Ende, sondern in der Mitte durch einen Haarstrich verbunden (B, Z. 1); gelegentlichfehlt auch dieser (B, Z. 22). Der i-Strich hat meist Dachform (A, Z. 3), die sich aus der auch vorkommenden Strichform entwickelt hat; vgl. D,Z. 33; C, Z. 39 und 10. Gesetzt ist er fast ausschließlich in der Nachbarschaft von m und n (vgl. aber auch is B, Z. 10), doch ist dieser Grundsatzkeineswegs durchgeführt. Der Doppelhaken des k ist des öfteren oben (A, Z. 8), mitunter ganz (D, Z. 7) vom Schaft getrennt. Der Bogen am p istoben offen (A, Z. 17), seine Rundung bis zum rechten Winkel gebrochen (D, Z. 34). Die regelmäßige Form des r (A, Z. 5) verändert sich in sehrreichlichen Fällen dadurch, daß die Fahne frei schwebt (A, Z. 26), daß sie mit dem von untenher kommenden, als Haarstrich umgebogenen Grundstrichzusammentrifft (A, Z. 21), daß sie mit diesem in einem Zug geschrieben wird (B, Z. 7), daß sie sich mit dem folgenden Buchstaben verbindet (B,Z. 24). Der Gebrauch des f und s ist wie gewöhnlich nach Wortanfang und -inneres und Wortschluß geschieden; s hat meist die Größe des a.Treffen zwei t zusammen, so ist das zweite etwas höher (C, Z. 21; vgl. Tafel L, A). Als Konsonant begegnet nicht u, sondern v, außer meist in derNachbarschaft von e (B, Z. 4; A, Z. 14), in den Kürzungen ouer (C, Z. 24) und auer (D, Z. 34), in driualdigher (A, Z. 4) und in uan (D, Z. 26);als Vokal wird immer u geschrieben, außer meist vor m und n (B, Z. 7; A, Z. 12) — aber kunne (A, Z. 8), funderliken (A, Z. 9; C, Z. 12), funnen(A, Z. 20), wunne (B, Z. 3) —, in vp (D, Z. 18) und in Hochstellung (trvwen B, Z. 20). In drei Fällen (heueft B, Z. 1; wunde C, Z. 35; uan D,Z. 26) findet sich über dem u ein kleines v, das nur die Funktion eines u-Häubchen haben kann. Das y begegnet mit (A, Z. 5) und ohne (A, Z. 8)Dach. Das z kommt in zwei Formen vor; die eine, der 3 ähnliche, wird mehr oder minder lang unter die Zeile gezogen (A, Z. 22; B, Z. 20), dieandere steht mit dem Schlußzug auf der Zeile auf und hat einen kurzen Strich durch die Mitte (A, Z. 28).
Überschreibungen sind selten; es begegnet nur ü (A, Z. 2) und u (D, Z. 21). Auch die vorkommenden Kürzungen sind nicht sehr mannig-faltig. Der kurze wagrechte Strich steht für m (A, Z. 1), für n (A, Z. 8) und als Zeichen des abgefallenen d in vnd (A, Z. 20); bemerkenswert ist,daß dieser Strich gerne etwas vor den Buchstaben gesetzt wird, über den er gehört (A, Z. 20). Ein meist kommaähnlicher Haken steht für er (A,Z. 15); er ist mitunter recht klein (D, Z. 5). Die Hochstellung eines Vokals zur Bezeichnung eines zu ergänzenden r begegnet einmal (B, Z. 20), ebensoje einmal p mit durchstrichener Unterlänge für per (C, Z. 4) und hochgestelltes t für zu ergänzendes i (D, Z. 20).
Bindestriche beim Abteilen der Wörter werden nicht gesetzt, in 30 Fällen. Infolgedessen ist das aus einem Doppelstrich enstandene Zeichen(B, Z. 9 und 23; C, Z. 27; D, Z. 12 und 26) wohl auch nicht als Bindestrich aufzufassen, sondern nur als Zeilenfüllsel, wie dies auch in denFällen A, Z. 10, 16, 20, 32; C, Z. 28 nicht anders sein kann. Im Ganzen teilt der Schreiber nach Silben ab, doch kommen auch Ausnahmen vor(werdiche-yt A, Z. 4 und 36; vro-ude B, Z. 2; warhe-yt B, Z. 36; ne-yner D, Z. 39; vgl. Tafel L, B).