TAFEL XLIX.
MYSTIKERTEXTE.
fl. SAMMLUNG GEISTLICHER LEHREN VONBRUDER ENGELHflRT VON EBERÄCH.
Cod. germ. 172 enthält eine Sammlung geistlicher Lehren, Legenden und Sprüche, die im XIV. Jahrhundert sehr beliebt gewesenzu sein scheint und sich in verschiedener Reichhaltigkeit allein in dem Münchener Handschriftenbestande 5 mal (in cod. germ. 116, 172,181, 411 und 702) vorfindet. 7\ls Verfasser wurde von Schmeller und Preger irrtümlich ein Bruder Eberhart von Eberach bezeichnet.Doch nennt sich Bruder Engelhart (so heißt er richtig) aus dem Zisterzienserkloster Eberach in Oberfranken nur in unserem cod. germ. 172als Schreiber und sonst nirgends. Die einzelnen, teilweise sehr kleinen und meist namenlosen Stücke rühren von verschiedenen Mystikernund Kirchenvätern her, von Meister Eckehart, der von Bruder Engelhart fälschlich Erhart geschrieben wird, Heinrich Suso, Hermann vonLinz, Bruder Berchtold von Regensburg u. a. m. Die Handschrift ist im XIV. Jahrhundert geschrieben worden und aus dem KlosterSt. Emmeram in Regensburg in die Münchener Staatsbibliothek gelangt.
Vgl. Wilhelm Preger, Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter II 1881, S. 135. — Adolf Spamer in Paul und Braunes Bei-trägen XXXIV 1908, S. 419; derselbe, Zersetzung und Vererbung in den deutschen Myslikertexten 1910, S. 53 f., 80, 308; derselbe, Texteaus der deutschen Mystik 1912, S. 143 f.
B. HEINRICH SUSOS BÜCHLEIN VON DER EWIGEN WEISHEIT.
Cod. germ. 174 enthält das Büchlein von der ewigen Weisheit von Heinrich Suso. Er ist im XIV. Jahrhundert geschrieben undstammt aus dem Kloster St. Emmeram in Regensburg. In der Überlieferungsgeschichte des ungemein weit verbreiteten mystischen Werkeswird er zu den „beachtenswerten alten" Handschriften gezählt.
Vgl. Heinrich Seuse, Deutsche Schriften, herausgegeben von Karl Bihlmeyer 1907, S. 14*.
fl. Die Handschrift, deren Blatt 42v wir vorlegen, ist von dem mönchischen Schreiber sichtlich mit besonderer Liebe ausgeführt worden. Zwarist seine Schrift ziemlich steif, hart und eckig, besitzt aber als Ersatz für die fehlende Leichtigkeit eine tadellose Klarheit und Deutlichkeit. Dazu wirdder stattliche Eindruck der festen gotischen Buchschrift dadurch erhöht, daß nicht nur die großen Initialen, die am Rande klein vorgezeichnet sind, ab-wechselnd rot und blau ausgeführt sind, sondern auch alle Überschriften der vielen kleinen Stücke rot geschrieben wurden, wodurch das Schriftbildfast allzu farbig und unruhig geworden ist. Die Schrift selbst ist, ebenso wie die Linierung, ziemlich hellbraun, nicht schwarz. Das Pergament istnicht sehr gut geglättet und etwas rauh geblieben; man sieht die gemalten Initialen von der Rückseite durchscheinen, auch sind die Zirkellöcher derLinierung am Blattrande zu sehen.
Die Schrift steht mehr zwischen als auf den Zeilen und ist zwar ziemlich gleichmäßig steil, aber ungleichmäßig in den Längen der Buchstaben.Die runden Buchstaben sind sichtlich nicht in einem Zuge geschrieben, sondern durch verschiedene selbständige Striche zusammengesetzt (o, g, d, p,b in Z. 1, 2) und haben so verhältnismäßig eckige Formen erhalten. Die Oberlängen von 1, b, h, k sind meist oben verdickt und gespalten (Z. 1, 13),selten mit einem schrägen Aufstrich oben abgeschlossen (Z. 3). Die Oberlängen des f und f haben oft mit einem leichten Ansatz nach links eine aus-geprägte Verdickung oben (Z. 24, 5), neben der sich aber auch die einfache glatte Form behauptet (Z. 2); in beiden Fällen ist die obere Fahne inausgeprägter Weise zurückgebogen und vielfach in einen Haarstrich auslaufend zu einer vollen Schleife ausgebildet (Z. 3). Bei den Grundstrichen ini, n, m, r, u überwiegt die klare, glatte Form mit einem kleinen Aufstrich oben und unten; doch führt dieser Aufstrich oben manchmal zu einer kleinenVerdickung und unten zu einer leichten Abrundung, woraus sich dann, besonders beim i (Z. 12), eine Verjüngung des Schaftes in der Mitte oder eineUngleichmäßigkeit der Striche innerhalb des Buchstabens (Z. 1) ergibt. Übrigens hat das i meist, aber nicht immer den i-strich (Z. 1, 2), der manch-mal bereits bis zum bloßen Punkt zusammengeschrumpft ist (Z. 10). Vereinzelt findet sich auch ein Akzent über e (Z. 6). Die vorkommenden Über-schreibungen sind u (Z. 1), fi (Z. 3) und 6 (Z. 15). Im Wortinnern ist immer u, im Anlaut v geschrieben.
Die Verbindung der Buchstaben miteinander innerhalb des Wortes tritt hinter der Betonung der Selbständigkeit der Buchstabenformen zurück,wiewohl die Zusammenschreibung und Trennung der ganzen Worte sehr klar durchgeführt ist. Nicht nur das doppelbogige a oder das in hartem, festemStrich unter die Zeile reichende h bleiben meist ganz für sich; es kommt sogar vor, daß das sonst leicht verbundene ch völlig geschieden bleibt(Z. 17), und selbst in der Ligatur ft und tz (Z. 1, 20) sind die einzelnen Bestandteile ganz selbständig ausgeführt. Doch werden in der Regel die sehrgeraden und breiten Fahnen des g und k und die feine schräg aufwärts gerichtete Zunge des e, oft auch die kleinen Aufstriche am unteren Ende derauf der Zeile aufstehenden Buchstaben, sogar beim f, zu einer leichten Buchstabenverbindung benützt, lb, lh, 11 werden durch einen Querstrich oben zu-sammengeschlossen, während im Gegensatz hiezu bei tt durch größere Ausführung des zweiten Teiles die volle Selbständigkeit der Buchstaben betontwird (Z. 6). Das t ist überhaupt durch seinen starken Querbalken, der den Stamm durchschneidet, scharf ausgebildet, im Gegensatz zum c, das sichgerne an den folgenden Buchstaben anlehnt (Z. 7, 25). Die Zusammenschreibung der zusammenstoßenden Rundungen nach der Wilhelm MeyerschenRegel ist vollständig nur hinter dem stets scharf nach links umgebogenen d, bei de und do, auch vo, durchgeführt, während we (Z. 9) und be (Z. 17)sowohl zusammengeschrieben als auch getrennt vorkommt und hinter h und p, also bei he, pe, po die Scheidung streng aufrecht erhalten bleibt. Auchdie Anpassung des r an eine vorangehende Rundung ist nur teilweise durchgedrungen; zwar steht hinter o und p regelmäßig das runde *, dagegen be-hauptet sich das gerade r hinter v (Z. 18). Rundes s am Wortende hat sich vollständig durchgesetzt. Kürzungen sind nur bei Raummangel angewendetund beschränken sich auf die gewöhnlichen Zeichen für er und n (Z. 26). Als Satzzeichen wird nur der Punkt, dieser aber reichlich und durchaus sinn-gemäß gesetzt. Die Lineatur ist mit Bedacht zur schmückenden Gliederung des Schriftspiegels benützt, wie man dies öfters, aber nicht immer soklar und sicher in manchen Handschriften beobachten kann; vgl. Tafel XLII B, XLVI, XLVIII, XLIX B usw. Es sind zu diesem Zwecke nicht nurdie abgrenzenden senkrechten Striche bis zum Blattrande verlängert, sondern auch die erste und letzte wagrechte Zeile und zu deren Verstärkung noch-mals je die dritte von oben und von unten. Diese Verdoppelung der abschließenden Wagrechten betont die Bestimmtheit des abgrenzenden Rahmens,der nur nach der Innenseite des Blattes rechts eine gewisse Unsicherheit behält, da hier dem Schreiber Gleichmäßigkeit in den Zeilenabschlüssennicht gelungen ist.
B. Die Ausstattung des cod. germ. 174, dessen Blatt 90v und 91' wir wiedergeben, ist sehr einfach und schmucklos. Die roten Initialensind selten und kunstlos. Die Form der Buchstaben ist klar und schlicht, fast ohne jede Verzierung; nur durch die Querstriche des g, f und t ist amWortende ein senkrechter verzierender Abschlußstrich gezogen (Z. I, 1, 6), der übrigens beim t oft auch fehlt (Z. I, 1). Die Oberlängen von 1, b, h, ksind oben gespalten. Das a ist meist außerordentlich groß, oft fast so groß wie das g, dessen untere Schleife wenig, manchmal gar nicht (Z. I, 5) unterdie Zeile hinabreicht. Dem g nähert sich in seiner geschlossenen Form das s (Z. I, 12), das am Wortende immer an Stelle des langen f getreten ist.Sehr gut ist das i der Rundung des vorangehenden o angepaßt (Z. I, 14); doch ist hinter p (Z. I, 16) und v (Z. 11,7) das gerade r beibehalten.