Druckschrift 
2 (1911) Mittelhochdeutsche Schriftdenkmäler des XI. bis XIV. Jahrhunderts
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Die Minuskel der ersten Hand (Spalte A/B der Tafel, Bl. 28 v /29 rder Handschrift) zeigt einen ungewöhnlichen Reichtum an Formen, derlebendig in das Werden der gotischen Buchschrift einführt. In jederWeise suchen Spitzen, Ecken und dünne Haarstriche zur Geltung zukommen und die Spaltung der Oberlängen in 1, b, d, h, k gibt den altenFormen der Schrift einen neuen zierlichen, wenn auch etwas unruhigenCharakter. Neben wohl durchgebildeten Formen wie etwa dem ch (B, Z. 4),das nicht mehr als zwei getrennte Buchstaben, sondern als Einheitwirkt, stehen ganz unsichere wie das z, das weder in der gewöhnlichenlateinischen Gestalt, noch in der Ausbildung aus einem h (B, Z. 10;vgl. auch Tafel XVII) eine schöne Klarheit gewonnen hat. Wie für dasz finden wir für das N zweierlei Formen (A, Z. 12 und 14), für d sogardreierlei (Ä, Z. 1/2), wobei teilweise ein ganz anmutiger Schwung erreichtwird (A, Z. 8). Wenn das r am Wortschluss gerne einen nach untengerichteten Schlusspunkt in der Fahne erhält (A, Z. 3, vgl. auch Tafel XIX),so wird dagegen dem t im Auslaut meist eine nach oben gerichtete Ver-dickung des Querbalkens mitgegeben (Ä, Z. 3). Im Wortinnern werdenr und t gerne mit dem folgenden, t wohl auch mit dem vorangehendenBuchstaben verbunden. Auch das e, das sich noch stärker als das c(A, Z. 5) durch eine ausgesprochene Schrägstellung des Grundstrichsnach rechts auszeichnet, erhält im Auslaut eine Verdickung seines weithinausgezogenen Mittelstrichs (Ä, Z. 1), der im Wortinnern die Verbindungmit dem folgenden Buchstaben herstellt und meist unmittelbar in diesenaufgeht. Seltener dienen dünne Haarstriche zum zierlichen Abschlusseines Wortes; nur bei e und t sind sie meist ziemlich weit hinaufgezogen,und vereinzelt sind sie sogar dem sonst schmucklosen, graden f ganzunorganisch angehängt (B, Z. 7), das nur B, Z. 14/15 eine etwas gebogeneForm erhalten hat. Beim h ist der Abschlusstrich weit unter die Zeilegezogen. Die Ligatur st ist durchgeführt. Abkürzungen finden sichzweimal (A, Z. 3 und 16) mit demselben Zeichen für die Suspension,obwohl verschiedene Laute weggelassen worden sind: vnd und gegeben.Über die Wiedergabe der Laute in der Schrift hat Schmeller genaueUntersuchungen angestellt mit dem Ergebnis, dasswir aus des SchreibersEigenheiten über die damalige Aussprache wenig genug entnehmenkönnen". Denn wie in der Formengebung, so schwankt und wechseltder Schreiber auch in der Lautbezeichnung sehr vielfach. Er schreibt efür § (Ä, Z. 2) und für ae (A, Z. 6), wendet für e aber auch e an(A, Z. 3); er wechselt zwischen v und u sowohl zur Bezeichnung deskonsonantischen (Ä, Z. 16, B, Z. 4) wie des vokalischen Lautes (A, Z. 3),nimmt v aber auch für f (B, Z. 2); er gebraucht im Anlaut meist k(A, Z. 16), aber auch ch (B, Z. 12); vor allem aber verwendet er dasö nicht nur, wo wir es erwarten dürfen wie A, Z. 11, öfter trittübrigens einfaches u an Stelle von ü (A, Z. 5), sondern auch für üund üe (B, Z. 9). Eine phonetisch einwandfreie Schreibung ist also nichtgegeben, und auch die Akzentuierung, die zwischen Ä und ' ohneSystem wechselt und manchmal in den einfachen I-Strich überzugehenscheint, gibt keine grössere Sicherheit, zumal sie überhaupt nicht mehrstreng durchgeführt ist. Dagegen ist die äussere Klarheit der Schrift-anordnung sehr ansprechend. Die Verse sind abgesetzt, die erste Vers-zeile eines Reimpaares immer herausgerückt und mit einer Majuskelbegonnen. Diese Anfangsbuchstaben sind mit roten Zierstrichen versehen,die Initiale eines Hauptabschnittes (A, Z. 6) auch ganz rot gemalt. ZurInterpunktion wird nur der Punkt verwendet, der auch fast immer amVersende gesetzt ist. Die Gleichmässigkeit der Abstände ist durch eineverhältnismässig breite Linierung gesichert, bei der wir nicht mehr das

Einritzen mit dem Griffel, sondern braune Farbe verwendet sehen.

Bei den nachträglichen Einträgen haben wir noch die alte Methodeder Linierung mit dem Griffel (Spalte C der Tafel, Bl. 78 r der Hand-schrift), oder sie fehlt ganz (Spalte D, Bl. 80 v ). Die Verse sind hier nichtabgesetzt, sondern nur durch Punkte von einander getrennt; der Strophen-schluss wird meist auch noch durch einen nachträglich mit hellerer Tinteeingefügten senkrechten Strich hervorgehoben. Verzierung der Schriftdurch rote Buchstaben fehlt, doch heben sich einzelne grössere schwarzeInitialen heraus. Ob das schöne Lied an die Seele von derselben Handgeschrieben ist wie die übrigen geistlichen Einträge, erscheint rechtzweifelhaft; jedenfalls ist es mit einer ganz anderen Sorgfalt geschriebenals der letzte mystische Erguss der Klausnerin Engilbirn, dem allerdingsauch der feste Halt der Linien fehlt. Die Korrekturen in Spalte Cgehören aber sichtlich derselben Hand wie D an.

Verwandt mit der Schrift von A B erweist sich die sehr saubereMinuskel von C trotz ihres wesentlich ruhigeren und festeren Gesamt-eindrucks in der Spaltung des Schaftes bei 1, b, d, h; doch ist diesenicht immer durchgeführt und wird namentlich bei k verschmäht (Z. 1).g und h ist sehr schön ausgebildet. Dagegen ist das z auch hier un-beholfen, d findet sich in gerader und unzialer Form (C, Z. 1). Auchdas t zeigt zweierlei Gestalt: teilweise behält es noch die ältere Form,die mit dem Querbalken oben glatt abschliesst, teilweise aber wirdder Querbalken schon quer durch den Schaft hindurchgeführt (C, Z. 1),wie es auch in A B die Regel ist. Nicht nur t und e, sondern auch rist am Ende im Grundstrich nach oben umgebogen. Diese Haarstrichefinden sich auch bei den übrigens eckigeren m, n, i und trüben hiermanchmal die Klarheit der Form (C, Z. 5). In der Lautbezeichnungfinden wir den gewöhnlichen Wechsel von u und v (C, Z. 6/11), von vund f (C, Z. 3/6), von c und k (C, Z. 6/16). Merkwürdiger ist dieWiedergabe der u und i. Für ü (ou) ist geschrieben v (C, Z. 4), ü (C, Z. 9),u (C, Z. 11); für ü einfaches u (C, Z. 3) und ü (C, Z. 4); für ü ebenfalls ü(C, Z. 11); für ou wurde au in umgeändert (C, Z. 10). t dagegen istmeist durch i wiedergegeben (C, Z. 4), aber auch ie (C, Z. 4) und f (C,Z. 15) kommt vor; endlich steht ie für i (C, Z. 12) und i für ie (C, Z. 14).

Einförmiger ist die Bezeichnung der Laute in der Niederschrift derKlausnerin Engilbirn, Spalte D. Hier steht i gleichmässig für kurzesund langes i, u für ü (D, Z. 1), ü (D, Z. 2), ü (D, Z. 10) und u (D, Z. 8);daneben findet sich ü (D, Z. 6), aber auch einmal auffallenderweise uh(D, Z. 9). Übrigens ist die ganze Seite nur flüchtig und ohne Sorgfaltniedergeschrieben, ein bezeichnendes Beispiel, wie auf freien Stellen desPergaments Schreiber oder Besitzer gerne ihren Namen und eine Feder-probe (s. die letzte Zeile) anbrachten. Die Formen sind unsicher undunschön; die m und n sind oft nicht nur oben, sondern auch unten durchdie verfliessenden Haarstriche verbunden; die Oberlängen von 1, b, hschliessen entweder gerade oben ab (D, Z. 3/4) oder sind nach links um-gebogen (D, Z. 1), die Spaltung ist nur D, Z. 11 klar ausgeprägt, wieauch nur hier ein sorgfältiger ausgebildetes g vorkommt, d findet sichnur in der unzialen Form. Das k ist im Gegensatz zu A B C obenoffen. Bemerkenswert ist, dass hier zum erstenmal in unseren Tafelnder I-Punkt vorkommt (D, Z. 1), neben dem I-Strich; in B und C ist esmehrfach zweifelhaft, ob der Strich über i als Akzent oder nur alsdiakritisches Zeichen aufzufassen ist. Für z ist einmal c geschrieben(D, Z. 9); und ist in der üblichen Weise gekürzt (D, Z. 9); Interpunktionfehlt völlig. Das Pergament ist bei diesem Blatt ausserordentlich dünnund lässt die Schrift der Rückseite stark und etwas störend durchscheinen.

I