216 Die deutschen Geißlerlieder.
Geißlerische ist wieder nur ein Faden in einem alten Gewebe.Und über Lied V wäre vielleicht ähnliches zu sagen, wenn wires ganz kennten. Die Lieder IV und VI endlich sind geistlicheVolkslieder, die die Geißler nur aufzugreifen brauchten undaufgegriffen haben, weil ihr Inhalt geißlerischen Gedanken-gängen entgegenkam. Aber schon bei Lied IV ist die gedank-liche Verbindung mit dem Geißlerwesen ziemlich locker; sogut wie dies Lied konnten die Geißler beinah jedes geistlicheVolkslied singen. Es ist also Legende, wenn vom Liederreich-tum der Geißler gesprochen wird; es ist vielmehr zu sagen,daß sie nur einen Volksbesitz an geistlichen Liedern (und zwarWallfahrtsliedern) in Bewegung setzten, der gutenteils nichtihre Schöpfung war. Einen lebendigeren Austausch von geist-lichen Volksliedern mögen die Geißlerzüge gebracht haben,als ihn ruhige Zeiten bringen können. Aber das ist noch keinReichtum.
Noch mehr wird von der Bedeutung des Geißlergesangesgefabelt, und diese Fabelei hat hohe Ahnen. Schon Lessinghat vermutet, daß das Auftreten der Geißler von 1260 eine derUrsachen für den Untergang des Minnesangs gewesen sei (inden Fragmenten 'Zur Geschichte der deutschen Sprache undLiteratur' Bd. 16, 346 Lachmann-Muncker); die pathetischeSchilderung, die der Mönch von Padua von den Wirkungendes Auftretens der italienischen Geißler in ihrem Heimatlandeentwirft, hat ihn zu diesem haltlosen Analogieschluß geführt.Auf Lessing fußt Erduin Julius Koch, wenn er den Geiß-lern in die Schuhe schiebt, daß sie auch in Deutschland derKultur der Poesie entgegengewirkt hätten (Compendium derdeutschen Literatur-Geschichte Bd. 2 [1798], S. 10). Und vonKoch übernimmt Arnim die Meinung, daß die Geißler am Unter-gang vieler weltlicher Lieder schuld seien, daß unter 'dieser Selbst-peinigung der Furcht noch einmal aller edle Gemütston ver-stummte' (Wunderhorn, hsg. von Karl Bode 2, 457), — und erzielt nunmehr auf die Geißler von 1349. An diesen Äußerungenist höchstens so viel richtig, daß das 'allgemeine Klage- undElendwesen' des ausgehenden Mittelalters (Arnim a. a. O.) auchin der Dichtung sich stärker Gehör verschaffte; im übrigen ver-kennen sie Wesen und Wirkungsmöglichkeiten des Geißlertumsnicht zuletzt auch nach der sozialen Seite hin. Die Geißlerzügewaren im wesentlichen doch eine Bewegung der unteren Volks-