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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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192 Die deutschen Geißlerlieder.

fremd, es sind Gesangbuchlieder und ähnliche Gebilde vonetwas entwickelterer Form, die sie festgehalten haben (Wack.2, Nr. 1219. 1221. 1222. 1254). Hier ist also die Abhängigkeitdes geistlichen Volksliedes vom Kunstliede einmal greifbar;man kann sie geradezu in Stufen verfolgen. Man vergleicheeinmal die drei deutlich zusammenhängenden Marienliederbei Wack. 2, Nr. 5961, alle aus durchgereimten vierzeiligenStrophen bestehend, die akrostichisch mit Maria, 0 Maria,Ave Maria beginnen; die älteste Fassung ist wohl schon in 113. Jh. entstanden. Es sind, auf ihren Lebensprozeß gesehen,auch schon geistliche Volkslieder, aber höherer Schichtung-Und auf den Ursprung gesehen, sind es Lieder, in denen dieTechnik des reinen Kunstliedes sich vermengt mit Einschlägenaus der Sphäre volksmäßiger Leise. Kunstgebilde dieser Artstehen im Hintergrunde der Strophen 1 und 2 des Geißler-liedes. Und nur die Frage bleibt offen, wann die volle Triviali-sierung erreicht worden ist, die das Geißlerlied aufweist. E sist denkbar (und vielleicht wahrscheinlicher), daß der Komp 1 'lator des Geißlerliedes beide Strophen fertig aus einem voll-kommen volksmäßig eingeebneten Marienlied mit Vierer-strophen akrostichischen Eingangs übernahm; nicht ganzausgeschlossen ist aber auch, daß er im Anschluß an ein ähn-liches Vorbild (und seine Melodie) gangbare Leiszeilen neukombinierte; es verdient vielleicht Beachtung, daß die Vers-paarung 5 f. sonst in Leisen nicht nachzuweisen ist. Auchdas Zeugnis von Zeitgenossen, das die Geißlerlieder als 'neubezeichnet, darf nicht übersehen werden (s. o. S. 76).

Auch im zweiten Teile, von Zeile 9 ab, ist die Unselbständig-keit handgreiflich (s. die Anmerkungen); nur ihr Grad bleibtwieder zweifelhaft, die Frage also, ob ein gegebener Leis i°größeren Verszusammenhängen ausgeschöpft wurde, oder ovdas Mosaik vielteiliger ist.

Man könnte auf den ersten Blick meinen, daß die Geißleidies Lied schon fertig vorfanden, daß sie mit ihm also, wie esfür Lied IV nachweisbar und in anderen Fällen zu vermutenist, einen vorhandenen Leis einfach übernommen hätten-Denn das Stück enthält nichts, was ausschließlich geißlerischwäre. Aber ob auch jeder einzelne Zug traditionelles Gut ist.in ihrer Vereinigung bringen sie so vollkommen geißlerischeGedankengänge zum Ausdruck, daß kein Zweifel sein kann-