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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
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Die Liturgie (Lied i). ^73

seine Art mit ihr auseinander. Er kann sich den ungeheurenEindrücken des Jahres 1349 nicht entziehen; aber gegenüberder Exaltation des Geißlerwesens zieht er sich auf den strengkirchlichen Standpunkt zurück.

übrig zu sagen, daß auch die starke Ausbreitung, die dieGroße Tageweise offenbar bald nach ihrer Entstehung gefunden" a t, mit einem Schlage erklärt ist, wenn man sie aus den Nötender Pestzeit heraus versteht und in ihr ein Gegenstück zuder Geißlerliturgie sieht, die damals ganz Deutschland durch-scholl.

Die Frage stellt sich, ob nicht auch die Melodien derLiturgie und der Tageweise Beziehungen aufweisen 1 ). EsMuß dem Musikhistoriker überlassen bleiben, die beiden Stückefiach dieser Richtung hin zu vergleichen. So viel ich sehe,deutet rein in der Tonführung nichts auf Entlehnungen oderAnlehnungen. Aber auch der Laie empfindet, wenn er dieMelodie der Großen Tageweise in der Umschrift Mosers 2 )Vor sich sieht, den Bruch inmitten des Stückes, den starkenMelodischen Abstand, der Stollen und Abgesang trennt. Inder Komposition Peters von Arberg hat sich, um mit MosersWorten zu sprechen, 'ritterliche Formkultur mit junger Voll-Wütigkeit des Volksliedes' verbunden. Moser erwägt, ob nichtdie Stollen von einem Solisten, der Abgesang von einem Chorv °rgetragen worden sei. Jedenfalls zeigt der Abgesang denSc hlichten festen Stil volksmäßigen Gemeingesanges 3). Dieser^rilwandel innerhalb der Melodie kommt aufs beste übereinMit der Sonderstellung, die auch auf den Text gesehen derabgesang einnimmt, und zwar gleichmäßig in allen fünfatrophen. Denn der Abgesang setzt sich mit seinen imperativi-Sc nen Anrufen jedesmal scharf gegen die vorhergehenden*eile ab. Er ahmt ganz greifbar im Gegenstand wie in der^°rm seiner Gebete den volksmäßigen Ruf nach. Diese BittenMn Bewahrung vor dem ewigen Tod, um ein seliges Ende,

') Die Melodie der Großen Tageweise ist uns in vier Fassungen erhalten,.le P- Runge, Sangesweisen der Kolm. Hs. S. 173 ff. vergleicht. S. auchr - M. Böhme, Germ. 25, 226S.

2 ) Geschichte der deutschen Musik 4 1, 176 f.

3 ) Daß man auch im Mittelalter schon die Sonderstellung des Abgesangsern pfand, wird aus der Wiener Hs. deutlich. In ihr ist das Lied auseinander-halten: das Schlußstück steht, Text und Melodie, für sich als selbständiges

led (s. Runge Kolm. Hs. S. 177).