Die geschichtlichen Zeugnisse für das Geißlerlied. 75
teuses de la nativite Nostre-Signeur et de sa sainte souffranceFredericq Corp. 2, 130. Das könnte nur richtig sein, wenn manwieder an eine andere als die allgemein übliche Liturgie dächte;a ber eher liegt eine Verwirrung vor. Denn von Christi Geburtfällt in dem Geißelleis, übrigens auch in dem romanischen, keinWort; wohl aber hat es Fahrtleise dieses Inhalts gegeben, wiedurch ein Lied bei Hugo von Reutlingen bezeugt ist (s. u.Lied IV). Eine andere Redaktion derselben Chronik bietet denSatz: Si fut ceste cose commencie par grant humilite et pour pryer« Nostre Signeur qu'ü volsist refraindre son ire et cesser ses vergesFredericq a. a. O.; das klingt wie ein Zitat und weist wieder aufden allgemeinen Geißelleis, dessen Kern ja die Besänftigungv on Christi Zorn ist.
Schließlich sei hingewiesen auf gewisse eigentümliche An-gaben über die Geißlerlieder, die sich in verschiedenen nieder-indischen Quellen finden, in den großen oberdeutschen Be-richten aber ohne jedes Gegenstück sind. Die Gesta abb.Trudon. (Sint Truiden im Lütticher Land) schildern die Buß-übung zunächst in einer Form, die an die übliche Liturgiedenken läßt: Qui bini et bini processionaliter incedentes cantilenaslanientabiles proferebant. Quibus partim finitis genua flectentes,w terrani proiectis impetuose corporibus, bracia in modum crucisex tendentes supini iacebant etc. Dann folgt, wie auch sonst fürdie niederländischen Geißler bezeugt, die confessio generalis,die von Priestern abgenommen wird, und danach continuo sur-gentes cantando leticie ficta ceremonia, sindone penitenciali tit itadicam exuta, consueta indumenta resumebant Mon. Germ. SS. 10,432. Daß die Geißler nach der Geißelhandlung und der an-schließenden Generalbeichte gewisse von der Liturgie unter-schiedene Lieder sangen, lassen auch andere niederländischeQuellen erkennen (s. o.); aber das Boec van der Wraken sprichtlri diesem Zusammenhang von einer Anrufung Gottes um Be-rufung vor dem jähen Tode. Das will zu der oben zitiertenStelle schlecht passen, und die Frage erhebt sich, ob die Wortec< Mtando leticie ficta ceremonia bloß eine veränderte Gebärde imGesänge bedeuten, oder ob man daraus nicht auch auf Textefroherer Haltung schließen darf. Ein anderer zeitgenössischerni ederländischer Autor, ein Fortsetzer des Guillaume de■^angis, charakterisiert sogar den Geißelgesang als freudig:%n cedebant nudi cum jlagellis conglobinati processionaliter et circu-