8 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.
zu ihrem Verständnis. Und da ist das Wichtigste, daß mansich die Unterschiede klar hält, die nach sozialen Schichten,nach inneren und äußeren Voraussetzungen, nach Formen undZielen der Bewegung innerhalb des Geißlertums aufzuweisensind. Der gleiche Name deckt recht verschiedene Dinge. Geradenach dieser Richtung hin hat Pfannenschmid gefehlt. DieGeißlerbewegung hat bekanntlich ihren Ausgang von Italiengenommen und will verstanden werden aus den trostlosenpolitischen Verhältnissen des Landes um die Mitte des 13. Jahr-hunderts. Die Parteikämpfe zwischen Weifen und Gibellinenebenso wie das Faktionswesen in den Städten zerrissen dieNation bis in ihre kleinen Gemeinwesen hinein. Im September1260 war das weifische Florenz von Siena und anderen gibellini-schen Städten Toskanas geschlagen worden; den weifischenStädten schien Schlimmes zu drohen. In diesem Augenblickbrach in Umbrien die große Geißelbewegung los, der Legendenach ausgelöst durch die Predigt eines Einsiedlers RanieroFasani, der in dem weifischen Perugia auftrat und zu Bußeund Versöhnung rief (s. u. S. 56). Ohne Zweifel handelt essich um eine Bewegung, deren eigentliche Antriebe im Reli-giösen liegen; aber man darf daneben das politische Elementnicht übersehen, fax et misericordia! ist der Bußruf der ältestenGeißler, — das setzt in bezeichnender Abwandlung eine poli-tische Parole fort, den Wahlspruch pax et iustitia der staufi-schen Herrschaft. Das Geißlertum von 1260 ist in Italienauch ein Ausdruck politischer Selbstbesinnung; man wird sichbewußt, welchen Kräfteverlust die innere Zwietracht be-deutet. Es begreift sich wohl, wenn die Geißlerbewegung inItalien gutenteils als eine weifische Angelegenheit betrachtetworden ist; gibellinische Städte verschlossen ihr die Tore. DieseDinge sind wichtig, wenn man die Frage nach den Trägern derBewegung zu beantworten hat; sie machen es verständlich,wenn wir auch die geistlichen und weltlichen Behörden an ihrbeteiligt sehen. Auf deutschem Boden stellen sich die Ver-hältnisse wesentlich anders dar.
Die breiteste und packendste Schilderung der italienischenGeißlerbewegung verdanken wir einem zeitgenössischen Chro-nisten, dem Mönch von Padua. Sie mag, da wir im folgendenwiederholt auf sie zurückkommen müssen, in ihren wesentlichstenStücken hier wiederholt werden: