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Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
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Die geschichtliche Erscheinung des Geißlertums. 7

Veröffentlichung der Melodien dieses großen Fundes rief dieerste und bislang einzige halbwegs literarhistorische Arbeit überdie Geißlerlieder hervor; es ist die umfängliche Studie 'DieGeißler des Jahres 1349 in Deutschland und den Niederlandenmit besonderer Beziehung auf ihre Lieder' von Hugo Pfannen-schmid, die den Hauptbestandteil bildet von Paul RungesWerk 'Die Lieder und Melodien der Geißler des Jahres 1349nach der Aufzeichnung Hugos von Reutlingen' (Leipzig 1900).Aber auch diese Untersuchung hat ein Archivar und Historikergeschrieben, der die Lieder der Geißler wesentlich als kultur-historische Dokumente nimmt und sie ebenso von seinem ge-schichtlichen Bilde des Geißlertums aus zu erhellen versucht,wie er aus ihnen Stützen für seine Deutung des Geißlerwesensgewinnt. Indes, schon diese geschichtliche Auffassung desGeißlertums ist in ihren neuen und entscheidenden Gesichts-punkten ganz sicher falsch; und was das Germanistische an-langt, so hat sich Pfannenschmid an eine Arbeit gemacht, derer nicht gewachsen sein konnte, schon im rein Sprachlichennicht. So ist denn das Besondere der Aufgabe, die hier zu lösenwar, gar nicht erkannt, nämlich das Deuten der Geißlerliederaus ihrem Wesen als geistlichen Volksliedern. Die literarischeUntersuchung bleibt gutenteils im Aufweisen wirklicher odervermeintlicher Quellen, wirklicher oder vermeintlicher Be-ziehungen zu anderen literarischen Denkmälern stecken. Dabeiist Wertvolles zutage gekommen; aber im ganzen ist dasVergleichen zu richtungslos, um rechte Frucht zu tragen. Den-noch ist der hingebende und gründliche Fleiß, mit dem Pfannen-schmid gearbeitet hat, keineswegs ertraglos gewesen; seitFörstemann hat keine Untersuchung über die Geißler ihreHorizonte so weit gespannt. Der Literarhistoriker, der sichmit den Geißlerliedern beschäftigt, ist deshalb in einer glück-lichen Lage: stoffreiche Vorarbeiten geben ihm das Werkzeugin die Hand, die Arbeit selber aber führt noch einigermaßen aufNeuland.

Eine Geschichte des Geißlertums, die nicht nur das äußereBild und den Verlauf der Bewegung darstellt, sondern auchihre geistigen und glaubensmäßigen Hintergründe zu fassenversucht, bleibt noch zu schreiben. Wir müssen uns hier damitbegnügen, eine Vorstellung von dem Lebensboden zu geben, aufdem die Lieder der Geißler gediehen. Das ist Vorbedingung