4 Einfuhrung.
Schicksale von Volksliedern über einen so breiten geographischenRaum zu verfolgen gestattet.
Damit sind die wesentlichen methodischen Richtpunkteangedeutet, die die folgenden Untersuchungen leiten. Es kommtihnen vor allem darauf an, die Geißlerlieder in dem Besonderenihrer Daseinsform als geistliche Volkslieder zu verstehen undsie in den lebendigen literarischen Schichtungsprozeß einzu-gliedern. Das Bild wäre gewiß reicher und eindrucksvollergeworden, wenn neben der Untersuchung der Texte eine gleichangelegte Betrachtung der Melodien stünde. Aber sie ist ohnefachwissenschaftliche Schulung nicht möglich. Die Melodiensind deshalb nur soweit berücksichtigt, wie sie die Textgestaltdeuten helfen. Das bleibt ein Mangel; immerhin ist damitschon erheblich mehr geschehen, als heute etwa bei der Er-forschung des Minnesangs zu geschehen pflegt. Da behandeltman ja die Texte zumeist, als seien sie bloße Rezitations- oderLesestücke gewesen, während doch anzunehmen ist, daß inFragen der Rythmisierung beispielsweise die Melodie ent-scheidend mitsprach. Die Forderung ist alt und sie muß auf-rechterhalten bleiben, daß literarische und musikalische Deutungsich bei der Betrachtung des mittelalterlichen Liedes zusammen-finden möchten. Aber sie ist schwer zu erfüllen; denn wirklichfruchtbar wäre sie erst erfüllt, wenn ein und derselbe Deuter,auf beiden Feldern gleich geschult, seinen Gegenstand vondiesem doppelten Blickpunkt aus zu erfassen verstünde. Dieöfters übliche Gemeinschaftsarbeit, derart daß ein Philologesich mit einem Musiker zusammentut, ist ein fragwürdigerNotbehelf. Es ist deshalb nicht unverständlich, wenn diemoderne Volksliedforschung hier zu einer klaren Arbeits-teilung gekommen ist; sie lehrt, daß auch die gesonderte Be-trachtung zu Erfolgen führen kann.
Die Geißlerlieder stellen einen nur schmalen Ausschnitt ausdem Gesamtkreis des mittelalterlichen Volksliedes dar; aber sieordnen sich in einen größeren Zusammenhang ein, den desPilgerliedes, dessen ältere Geschichte sich für uns im Dunkelverliert. Die folgenden Forschungen versuchen hie und da,besonders in den letzten Abschnitten, von dem einen hell-beleuchteten Punkt aus in dies Dunkel vorzudringen. Aberwozu sie schließlich führen, das ist kein geschichtliches Gesamt-bild, sondern es sind an das alte Pilgerlied sich knüpfende