Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
2
Einzelbild herunterladen
 

2 Einführung.

Geltung und Wirkung bei den Menschen, für die sie geschaffenwar, also mit der Frage des Publikums. Vielleicht gelingt esnicht, diese Frage in dem nötigen Umfang aufzuhellen,gerade bei der hohen Minnedichtung ist es schwer. Dann werdenjene anderen an sich bedeutsameren, aber in der Reihenfolgenachgeordneten Aussagen mit einer gewichtigen Unbekanntenbelastet bleiben.

Die Frage des Publikums will noch von einem anderenGesichtspunkt gesehen werden. Bei der Dichtung Rudolfsvon Ems etwa oder Konrads von Würzburg lichtet sich unsdie Publikumsfrage erfreulich, insofern das Bild der Vermittler,Anreger, Besteller der einzelnen Werke immer klarer undlebensvoller wird. Wir sehen uns vor einer Stufung, die vomKaiser bis in bürgerliche Kreise herunterreicht. Damit ist dieFrage aufgeworfen, aber noch nicht beantwortet, was dieSchichtenteilung des Publikums für die mittelhochdeutscheLiteratur bedeutet. Denn ein Werk braucht in seinem Leser-kreis und seiner Wirkung natürlich nicht beschränkt gebliebenzu sein auf die soziale Stufe, zu der seine Entstehungsgeschichteführt. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten, unter einem Wechselder Blickrichtung. Die Frage, ob ritterlicher oder spielmänni-scher Dichter, wird immer wieder erörtert; die entsprechendeund mindestens eben so wichtige, ob ritterliches, bürgerlichesoder wie sonst geartetes Publikum, tritt demgegenüber ganzungebührlich in den Hintergrund. Die herkömmliche Teilungzwischen 'ritterlicher' und 'bürgerlicher' Dichtung, das heißthoch- und spätmittelalterlicher, ist ja auf ähnliche Dinge aus.Aber indem sie mit dieser grobschlächtigen Gegenüberstellungdie Frage des Publikums so stark und schlagworthaft verein-facht, verdunkelt sie die Angelegenheit mehr, als daß sie sieerhellte, und gibt sich den Anschein, eine Sache geschlichtetzu haben, die viel gründlicher angefaßt werden will. Nichtbloß deshalb weil sich im späteren Mittelalter die sozialenBesonderungen und Abstufungen immer vermehren, sondernauch weil neben der schichtenmäßigen Zerlegung des Be-griffes 'bürgerlich' andere Unterscheidungen not sind. Dieselbebürgerliche Schicht bedeutet bekanntlich heute ein verschiedenesPublikum, je nachdem sie in einer Groß- oder Kleinstadt lebt,je nachdem ihr Sitz ihr eine bestimmte kulturelle Traditionmitgibt oder nicht. Das gleiche gilt natürlich für die Städte