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INTERNATIONALE KUNSTAUSSTELLUNG
und eine anatomische Kuriosität der bekannte„Mann mit der zerschlagenen Nase".
Boten diese Arbeiten in echtem Materialneben dem erschöpfenden geistigen Gehaltnach der Seite des Technischen hin vielInteressantes, so waren doch die Abgüssenach den großen monumentalen Schöpfungen,die zum Teil in Museen aufgestellt sind, wohlin erster Linie geeignet, einen Überblick überdas ganze große Schaffen des Meisters zugeben. Von den bis ins kleinste durch-geführten früheren Werken, wie z. B. dem„Kuß", bis zu den Bewegungsstudien zumHöllentor wurde der Beschauer durch denkünstlerischen Werdegang Rodins, der seinLeben lang immer nur den geraden Weg derWahrheit gewandelt ist, geführt.
Im „Kuß" ganz hingebende Zärtlichkeitund weltverlorenes Glück, bei „Paolo undFrancesca" die erschütternde Tragik schmerz-erbebender Liebe, in den „Bürgern von Calais"alles das, was an irdischem Leide auf denMenschen gehäuft werden kann: das ist eineso gewaltige Skala von Leidenschaft und Er-lebnis, wie sie nur von einem Künstler an-geschlagen werden kann, dessen Genie inalle Tiefen menschlichen Liebens und Hassenshinabgestiegen ist und alle Höhen mensch-lichen Wollens erklommen hat. Manchesmag dem Publikum und manches auch demEinsichtigeren unverständlich geblieben seinin den Bewegungsstudien, die zum Teil ohneArme und Köpfe in Überlebensgröße da-standen, immer aber war es ein Genuß, derHand des Künstlers zu folgen, unter der dieTonfetzen und Flöckchen Leben gewannen.Es war bedauerlich, daß nicht ein Modell oder eine Skizze Aufschluß über die künstlerische Absicht,die bei der Komposition des Höllentores vorgewaltet hat, gab. Die meisten der Figuren, zu denender größte Teil der Beschauer kein Verhältnis zu gewinnen wußte, würde dadurch dem allgemeinenVerständnis näher gebracht worden sein. Darin ist Rodin selbstherrlich und rücksichtslos. Er modelliertseine Figuren genau so weit, wie ihn die künstlerische Idee treibt, stellt sie genau so auf, wie ersie im Geiste gesehen hat und immer nur sehen will und überläßt es dem Beschauer, seinen weit-ausholenden Schritten und Sprüngen zu folgen. Kein Wunder, daß da manch einer zurückbleibt;aber es ist nicht zu leugnen, daß in der scheinbaren Willkür Rodins doch ein volles Maß vonEnergie und pädagogischem Wollen steckt, das jeden fortreißen muß, der einmal in den Bannkreisdieses starken Geistes getreten ist. Wer beispielsweise vor den Entwurf zum „heiligen Johannes"trat, der auf einer hohen Säule aufgestellt war, wußte mit dem Fragmente dieses menschlichenKörpers, an dem nur die Beine ausgeführt waren, gewiß nichts anzufangen. Erst bei nähererBetrachtung gingen ihm die Feinheiten der Aufstellung auf, wenn er diesen gewaltigen Schrittder weitausschreitenden Beine erfaßt hatte. Daß mit diesem Schritt, fest und sicher wie der Glaubedes Johannes selbst, alles gesagt sein sollte, wie es die Absicht des Künstlers war, und alles gesagtsein würde, wenn er gerade in der von ihm gewählten Aufstellung zu sehen war, und daß dann dieübrigen Glieder ruhig wegbleiben konnten, wurde dann ohne weiteres zur Gewißheit. Bei denübrigen Studien trat nicht weniger die Absicht zutage, eine momentane seelische und körperlicheEmpfindung in klarster Deutlichkeit festzuhalten, selbst wenn dabei die Mittel leichter Übertreibungangewendet werden mußten. So deutlich und sicher wie er beim ,,Schatten" das Müdesein, dasHinfallende, zur Ruhe Eingehende verkörperte, wie er etwa bei der „Schöpfung" oder beim „L'äged'airain" dem freien Aufatmen des Erwachens lebendige Form zu geben wußte, kann nur eine tief-ergründende Künstlerseele vorgehen.
Auguste Rodin
Der Kuss
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