Druckschrift 
Internationale Kunstausstellung, Kunsthistorische Ausstellung, Grosse Gartenbau-Ausstellung : Düsseldorf 1904
Entstehung
Seite
213
Einzelbild herunterladen
 

KUNSTHISTORISCHE AUSSTELLUNG

213

darum muß man auf die Wandmalereiwie auf die Buchmalerei als Vorgängerder Tafelmalerei nicht nur zur Er-gänzung der Entwicklung, dort, wo dieseversagt, solchen Wert legen. DieBuchmalerei brachte den ganzen Hortvon in Jahrhunderten geschaffenen Typen,Motiven, Gruppenbildungen, Zusammen-stellungen von der einen Generation aufdie nächste, und die Wandmalerei erzogalle künstlerischen Kreise in den Gesetzender Figurenverteilung und vor allem derSilhouettenwirkung. Sie war ja vorzugs-weise Flächenkunst, arbeitete nur in einerEbene, auf einer ganz schmalen Bühne,ohne Tiefe, und alles kam darum aufausdrucksvolle Silhouette an. Und nebender Wandmalerei steht, der Tafelmalereinoch viel inniger verwandt, die Glas-malerei. Auch hier kam es wieder aufSilhouettenbildung und dazu noch mehrals bei der Wandmalerei auf Ausgleichenund Verteilen der Farbenwerte an: undgerade das gab die beste Schule fürkleine und große Kompositionen. Gegen-über dem Persönlichen, dem Neuen unddem Eigenen, das wir heute sehen undgern sehen möchten, tut man gut, aufdas Gemeinsame und die Stärke derTradition immer -wieder hinzuweisen.

Gerade auf diesem Hintergrund derdurchgehenden Tradition, auf diesemganz erstaunlich und unvergleichlichhohen Durchschnittsniveau heben sichdie Führenden, die Neuerer, oft nur umein Weniges ab. Pfuscher und Stümperhat es zu allen Zeiten gegeben. Aberwohl nie war, mit dem höchsten Maßder Zeit gemessen, das technischeDurchschnittskönnen so hoch. DenGroßen, die nun das Ihre zu dem all-gemeinen Erbe hinzuschlagen, mehrund neues, folgt für eine kurze Spanne

Zeit dann eine breite Menge, nicht nur ihre eigene Schule. Und hier, bei den Großen, dürfen wirwirklich die Unmittelbarkeit, die Frische, aber auch die Ehrlichkeit, diesen unerschütterlichen heiligenErnst ganz ohne Einschränkung, ohne Rückhalt bewundern. Und dieser heilige Ernst ist zuletzt dasHöchste an ihnen das, was für Ruskin das Moralische in der Kunst war.

Unsere Kenntnis der Persönlichkeiten ist noch immer Stückwerk. Wir sind noch immer allzu-sehr geneigt, alle Hauptwerke den Größten zuzuschieben denen, die wir als die Größten kennenund überhaupt alle Werke auf einige wenige Meister zu verteilen. Aus Merlos Forschungen wissen wir,daß beispielsweise in Cöln in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts über fünfzehn tüchtige Meisterwirkten, und doch haben wir lange gesucht, fast alle gleichzeitigen Cölner Tafeln auf sechs oder siebenMeisternamen zu konzentrieren. Schon nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung dürfte es schwer halten,nachzuweisen, daß nun just bloß von diesen Meistern Werke erhalten sein sollten und gar keine von denübrigen. In der Scheidung, ob Meister, ob Schüler, ob Original, ob Kopie lassen wir uns auch einwenig zu stark von heutigen Anschauungen beeinflussen. Alle Kompositionen waren Gemeingut. Wennwir eine als die Erfindung eines Meisters nennen, so heißt das doch eben in vielen Fällen nur, daß wirsie nicht weiter zurückverfolgen können. Und der Nachfolger, der sie kopiert, verdient eigentlich nurden Namen Schüler und Kopist, wenn er sie unverständig kopiert, nicht zugleich weiter entwickelt.

Barthel Bruyn, Geburt Christi

Essen, Münsterkirche