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VERLAUF DER AUSSTELLUNG
Nach einer kurzen Begrüßung einiger Herren begann die Feier unter den weihevollen Akkordendes Niederländischen Dankgebetes. Dann betrat Professor Fritz Roeber das Rednerpodium undhielt nachstehende Ansprache:
Am i. Mai vor zwei Jahren öffneten sich die Tore einer Ausstellung, die sinnverwirrend, betäubend und über-wältigend sofort alles in ihren Bann zog. In die Werkstätten der Industrie und des Gewerbes gewährte sie dieüberraschendsten Einblicke, und der gewaltigen Wirkung der genial konstruierten Eisenkolosse, die sich trotz ihrerSchwere mit Leichtigkeit bewegten, konnte sich der Beschauer ebensowenig entziehen, wie der Bewunderung derErfindungskraft und ausführenden Energie, die sich in allen Fächern des gewerblichen Lebens und auf allen Gebietender industriellen Tätigkeit entfaltete. Eine Besonderheit wies die Ausstellung von 1902 auf, den engen Bund derIndustrie mit der Kunst, die eigentlich unvereinbare Gegensätze darstellen. Die Industrie, gezwungen, sich mit allenMitteln, mit Aufbietung aller Kräfte in rastloser Arbeit auf dem Weltmarkte durchzusetzen und zu behaupten, immerauf dem Sprunge, den günstigen Augenblick zu erfassen, kühl abwägend, scharf kalkulierend, alle Verhältnisse derAussenwelt in Rechnung ziehend, verpflichtet Heere von Männern und Frauen zur Tätigkeit in ungeheuren Werk-stätten, um die Massen zu erzeugen, die die Welt für alle ihre Bedürfnisse verlangt. Die Kunst isoliert sich beiihrer Arbeit im kleinsten Räume und kann nur dann Meisterwerke schaffen, wenn das Persönliche, die Eigenart desEinzelnen zum Ausdruck kommt; sie muss sich in sich selbst versenken, und die Phantasie entfaltet ihre Flügel amfreiesten und nimmt den höchsten Flug bei vollständiger Abkehr von der Aussenwelt. Beide, Kunst und Industrie,empfanden aber, dass jeder das besass, was der anderen fehlte. Gewohnt, die Ziele praktisch und weit zu stecken,lehrte die Industrie, dass neben der geistigen Arbeit in der Einsamkeit, neben dem rein künstlerischen Schaffen auchdie materiellen Anforderungen ihr Recht verlangten und dass der Weltmarkt nicht allein bestimmend ist für den Wertgewerblicher und industrieller Erzeugnisse, sondern auch für die Schöpfungen der bildenden Künste. Die Industrieebnete der Kunst die Wege und half in freier EntSchliessung einen Kunstpalast hier in Düsseldorf, an den Ufern desschönsten deutschen Stromes zu erbauen, die Kunst aber führt die Industrie nach der schwer lastenden Arbeit inWerkstätten und Fabriken, aus Dunkelheit und Rauch in das helle lichte Land, wo die ewige Schönheit thront undgeistig verklärte Abbilder des Lebens in stetiger Folge und reizvollem Wechsel erscheinen. Heute sind es nicht nurdie heimischen Künstler, die um die Palme des Sieges ringen, auch die grossen Meister des Auslandes treten mitauf den Plan, und Werke älterer Zeit fehlen nicht, um den Kranz, den die Kunst bietet, reicher und voller zuschmücken. Aber heute, bei der zweiten grossen Ausstellung, fehlt die Industrie, es fehlt der Lärm, das Sausenund Brausen, die nervenerregende, treibende und hastende Bewegung des Räderwerks und der Maschinen. Dieunheimlichen mächtigen Kräfte der Natur, gefesselt und zum Dienst gezwungen, erregen nicht mehr unser Erstaunenund schrecken uns nicht. Sie selbst tritt vor unser Auge, aber als ein Bild heitersten, Ruhe und Erquickungatmenden Friedens. Welch ein anderes Bild gegenüber der Ausstellung von 1902! Einheitlich und harmonischwächst alles zusammen; die Kunst, die den Geheimnissen der Natur und des Lebens auf Schritt und Tritt nachgeht,individuell das Geschaute nachschafft und widerspiegelt, die Natur, die in unerschöpflicher Fülle den schönsten Schmuckund die prächtigste Zierde der Mutter Erde auf engem Raum ausbreitet, in Duft getaucht und strahlend im Glänzeunerreichbarer Farben. Herz, Geist und Phantasie finden hier ihre Rechnung.
Kein Verständnis ist nötig, keine technische Vorbildung; für jung und alt, reich und arm, für jeden quillt einGesundbrunnen, in dem er sich erfrischen kann, denn nichts ist dem Menschen so eigen, so angeboren, wie dieLiebe zur Natur. Blumen sind es, die allem, was uns in Freude und Leid bewegt, Ausdruck geben. Von derWiege bis zum Grabe begleiten uns die Spenden, und dem Dürftigsten verklärt noch ein Hauch von Poesie dasarmselige Gemach, wenn sich ihm die sorglich gepflegte Blume erschliesst. Die Lieder und Märchen aller Völkerund aller Zeiten sind erfüllt von dem Duft der Blüten, von dem geheimnisvollen Zauber, den Pflanzen, Sträucher undBäume auf jedes Gemüt ausüben, und das Vergehen im Herbste, das Wiederaufleben im Frühjahr hat nicht nur beiallen Völkern die grossartigsten Mythen und Heldengedichte hervorgerufen, sondern ist auch für uns das Symbol derUnsterblichkeit geworden. Was konnte näher liegen, als dass die Kunst sich mit dem Gartenbau verschwisterte undmit ihm zusammenging, da beide sich an die idealen Empfindungen des Menschen, an das Gefühl wenden undRegungen und Schwingungen im Gehirn auflösen, die der Verstand nicht zu ergründen vermag. Beide, die Kunst-und die Gartenbau-Ausstellung, werden deshalb auch von der vollen Sympathie der Bevölkerung getragen. Die StadtDüsseldorf, die Provinzialbehörden und die Staatsregierung haben die schwere Arbeit in jeder Weise erleichtert, vorallem aber fühlen sich die Ausstellungen dadurch ausgezeichnet, dass Se. Majestät, unser Allergnädigster Kaiser undHerr, dem grossen Unternehmen seine Allerhöchste Teilnahme bezeugte. Der höchste Preis der Gartenbau-Ausstellungist eine Ehrengabe des deutschen Kaisers, und in der Kunstausstellung wird allein schon dadurch die deutsche Kunstneben den grossen Meistern des Auslandes ebenbürtig auftreten können, weil die Darleihung von Werken Adolfvon Menzels aus dem Besitz der Krone und den staatlichen Sammlungen für die Ausstellung Allerhöchst befohlenwurde. Wenn das deutsche Volk seinem Kaiser in treuester, opferfreudigster Liebe ergeben ist, wenn es sich imGefühle vollster Sicherheit unter seinem Schutze friedlicher Arbeit widmet, so liegt dies daran, dass die Persönlich-keit des Monarchen von Tag zu Tag grössere Bewunderung sich erzwingt. Wie Industrie und Kunst sich zu einemvollen Bilde ergänzen, finden wir in unserm Herrscher die tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge, das Verständnisund die erstaunliche Begabung für den verwickelten Mechanismus der technischen Wunderwerke, gepaart mit poe-tischem Empfinden, hochfliegender Phantasie und erhabenem Schwung der Gedanken. Wenn das Auge unseresKaiserlichen Herrn die Weltlage beherrscht, wenn er mit kühler Überlegung den Lauf der Dinge verfolgt, so wissenwir in festem Vertrauen, dass sein Entschluss schnell und sicher ist, dass rasch die Tat folgt, weil der alles er-wägende Verstand die träumende Phantasie in Schranken hält und unablässig sorgt, dass die Rüstung bereit liegtund das Schwert in der Scheide nicht rostet. Dieser machtvolle Herrscher eines der mächtigsten Staaten der Erdeist ein begeisterter Freund der Künste. Ein mediceisches Zeitalter auch für Deutschland heraufzubeschwören, istsein Wunsch und Wille, und die Künstler aller Richtungen müssen es ihm danken, dass er durch sein erhabenesBeispiel und Vorbild der Welt zeigt, welcher Wert den Künsten im sozialen Leben einzuräumen ist und welcheBedeutung sie für die Entwicklung eines jeden Volkes besitzen. Um so freudiger können wir heute den Gefühlender Dankbarkeit Ausdruck geben, als die schwere Sorge, die auf ganz Deutschland als unerträglicher Druck lastete,von uns genommen ist und wir unsern geliebten Kaiser in voller Frische und Kraft seines schweren Amtes waltensehen. Lassen Sie uns den Gefühlen unverbrüchlicher Treue und Hingebung, die uns alle beseelen, dadurch Aus-druck geben, dass wir rufen: Seine Majestät der Kaiser und König lebe hoch!