Naturprodukten und Naturkräften gegründet sind. Der oberflächlichste Blickauf den Zustand des heutigen Europas lehrt, daß bei ungleichem Wettkampfeoder dauernder Zögerung notwendig partielle Verminderung und endlich Ver-nichtung des Nationalreichtums eintreten müsse; denn in dem Lebensgeschickder Staaten ist es, wie in der Natur, für die, nach dem sinnvollen AussprucheGoethes „es im Bewegen und Werden kein Bleiben gibt und die ihren Fluchgehängt hat an das Stillstehen." Nur ernste Belebung chemischer, mathe-matischer und naturhistorischer Studien wird einem von dieser Seite einbre-chenden Übel entgegnen. Der Mensch kann auf die Natur nicht einwirken, sichkeines ihrer Gesetze aneignen, wenn er nicht die Naturgesetze, nach Maß- undZahlverhältnissen, kennt. Auch hier liegt die Macht in der volkstümlichen In-telligenz. Sie steigt und sinkt mit dieser. Wissen und Erkennen sind die Freudeund Berechtigung der Menschheit, sie sind Teile des Nationalreichtums, oftein Ersatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Maße ausgeteilthat. Diejenigen Völker, welche an der allgemeinen industriellen Tätigkeit, inAnwendung der Mechanik und technischen Chemie, in sorgfältiger Auswahlund Bearbeitung natürlicher Stoffe zurückstehen, bei denen die Achtungeiner solchen Tätigkeit nicht alle Klassen durchdringt, werden unausbleib-lich von ihrem Wohlstande herabsinken. Sie werden es um so mehr, wennbenachbarte Staaten, in denen Wissenschaft und industrielle Künste in regemWechselverkehr miteinander stehen, wie in erneuerter Jugendkraft vorwärts-schreiten.
Die Vorliebe für Belebung des Gewerbfleißes und für die Teile des Naturwissens,welche unmittelbar darauf einwirken, ein charakteristisches Merkmal unseresZeitalters, kann weder den Forschungen im Gebiete der Philosophie, derAltertumskunde und der Geschichte nachteilig werden, noch den allbelebendenHauch der Phantasie den edlen Werken bildender Künste entziehen. Wo,unter dem Schutze weiser Gesetze und freier Institutionen, alle Blüten derKultur sich kräftig entfalten, da wird im friedlichen Wettkampfe kein Be-streben des Geistes dem anderen verderblich. Jedes bietet dem Staate eigene,verschiedenartige Früchte dar: die nährenden, welche dem Menschen Unter-halt und Wohlstand gewähren, und die Früchte schaffender Einbildungskraft,die, dauerhafter als dieser Wohlstand selbst, die rühmliche Kunde der Völkerauf die späteste Nachwelt tragen. Die Spartiaten beteten, trotz der Strengedorischer Sinnesart: „die Götter möchten ihnen das Schöne zu dem Gutenverleihen."
Wie in jenen höheren Kreisen der Ideen und Gefühle, in dem Studium der Ge-schichte, der Philosophie und der Wohlredenheit, so ist auch in allen Teilendes Naturwissens der erste und erhabendste Zweck geistiger Tätigkeit ein in-nerer, nämlich das Auffinden von Naturgesetzen, die Ergründung ordnungs-mäßiger Gliederung in den Gebilden, die Einsicht in den notwendigen Zu-sammenhang aller Veränderungen im Weltall. Was von diesem Wissen in dasindustrielle Leben der Völker überströmt und den Gewerbefleiß erhöht, ent-springt aus der glücklichen Verkettung menschlicher Dinge, nach der dasWahre, Erhabne und Schöne mit dem Nützlichen, wie absichtslos, in ewigeWechselwirkung treten. (Alexander von Humboldt, Kosmos, 1845.)
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