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5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
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DIE SPRACHE DER NATUR

Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne könnenwir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten. Farben und Lichtstehen zwar untereinander in dem genauesten Verhältnis, aber wir müssen unsbeide als der ganzen Natur angehörig denken; denn sie ist es ganz, die sich da-durch dem Sinne des Auges besonders offenbaren will.

Ebenso entdeckt sich die ganze Natur einem anderen Sinne. Man schließe dasAuge, man öffne, man schärfe das Ohr, und vom leisesten Hauch bis zum wil-desten Geräusch, vom einfachsten Klang bis zur höchsten Zusammenstim-mung, von dem heftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten Worteder Vernunft ist es nur die Natur, die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Lebenund ihre Verhältnisse offenbart, so daß ein Blinder, dem das unendlich Sicht-bare versagt ist, im Hörbaren ein unendlich Lebendiges fassen kann.So spricht die Natur hinabwärts zu anderen Sinnen, zu bekannten, verkannten,unbekannten Sinnen, so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausendErscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm, ja, demstarren Erdkörper hat sie einen Vertrauten zugegeben, ein Metall, an dessenkleinsten Teilen wir dasjenige, was in der ganzen Masse vorgeht, gewahr wer-den sollten.

So mannigfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oft diese Sprache schei-nen mag, so bleiben doch ihre Elemente immer dieselbigen. Mit leisem Ge-wicht und Gegengewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht einHüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und Hernach, wodurchalle die Erscheinungen bedingt werden, die uns im Raum und in der Zeit ent-gegentreten.

Diese allgemeinen Bewegungen und Bestimmungen werden wir auf die ver-schiedenste Weise gewahr, bald als ein einfaches Abstoßen und Anziehen, baldals ein aufblickendes und verschwindendes Licht, als Bewegung der Luft, alsErschütterung des Körpers, als Säurung und Entsäurung, jedoch immer alsverbindend und trennend, das Dasein bewegend und irgendeine Art von Lebenbefördernd.

Indem man aber jenes Gewicht und Gegengewicht von ungleicher Wirkung zufinden glaubt, so hat man auch dieses Verhältnis zu bezeichnen versucht.Man hat ein Mehr und Weniger, ein Wirken, ein Widerstreben, ein Tun undLeiden, ein Vordringendes, ein Zurückhaltendes, ein Heftiges, ein Mäßigendes,ein Männliches, ein Weibliches, überall bemerkt und genannt, und so entstehteine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nah-verwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzenmag. (Goethe, Zur Farbenlehre, 1810.)

SINNLICH-SITTLICHE WIRKUNGEN DER FARBEN

Da die Farbe in der Reihe der uranfänglichen Naturerscheinungen einen sohohen Platz behauptet, indem sie den ihr angewiesenen einfachen Kreis mitentschiedener Mannigfaltigkeit ausfüllt, so werden wir uns nicht wundern,

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