aber sie hat Lieblinge, an die sie viel verschwendet und denen sie viel auf-opfert. Ans Große hat sie ihren Schutz geknüpft.
Sie spritzt ihre Geschöpfe aus dem Nichts hervor und sagt ihnen nicht, wohersie kommen und wohin sie gehen. Sie sollen nur laufen: die Bahn kennt sie.Sie hat wenige Triebfedern, aber nie abgenutzte, immer wirksam, immer man-nigfaltig.
Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Lebenist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Siemacht ihn abhängig zur Erde, trag und schwer, und schüttelt ihn immer wie-der auf.
Sie gibt Bedürfnisse, weil sie Bewegung liebt. Wunder, daß sie alle diese Be-wegung mit so wenigem erreicht. Jedes Bedürfnis ist Wohltat, schnell be-friedigt, schnell wieder erwachsend. Gibt sie eins mehr, so ists ein neuer Quellder Lust, aber sie kommt bald ins Gleichgewicht.
Sie setzt alle Augenblicke zum längsten Lauf an und ist alle Augenblicke amZiele.
Sie ist die Eitelkeit selbst, aber nicht für uns, denen sie sich zur größten Wich-tigkeit gemacht hat.
Sie läßt jedes Kind an sich künsteln, jeden Toren über sich richten, Tausendestumpf über sich hingehen und nichts sehen und hat an allen ihre Freude undfindet bei allen ihre Rechnung.
Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt, man wirktmit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.
Sie macht alles, was sie gibt, zur Wohltat, denn sie macht es erst unentbehrlich.Sie säumet, daß man sie verlange, sie eilet, daß man sie nicht satt werde. Siehat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch diesie fühlt und spricht.
Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie machtKlüfte zwischen allen Wesen, und alles will sich verschlingen. Sie hat alles iso-liert, um alles zusammenzuziehen. Durch ein Paar Züge aus dem Becher derLiebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos.
Sie ist alles, sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sichselbst. Sie ist rauh und gelinde, lieblich und schrecklich, kraftlos und allge-waltig. Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht.Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig. Ich preise sie mit allen ihren Werken.Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vomLeibe, trutzt ihr keinGeschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, undam besten ists, ihre List nicht zu merken. Sie ist ganz und doch immer un-vollendet. So wie sies treibt, kann sies immer treiben.
Jedem erscheint sie in einer eigenen Gestalt. Sie verbirgt sich in tausend Namenund Termen und ist immer dieselbe.
Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertrauemich ihr. Sie mag mit mir schalten. Sie wird ihr Werk nicht hassen. Ichsprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie ge-sprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst. (Goethe, Die Natur, 1782.)
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